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Der traurige Rosenkavalier

Die Zeit der Weimarer Republik ist gerade in Berlin politisch und wirtschaftlich hoch turbulent. Anfang der 1920er Jahre prägen eine groteske Inflation und Millionen von Arbeitslosen das Bild, zum Ende des Jahrzehnts sind es die kurzlebigen Kabinette und die Straßenschlachten zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten. Literarisch hingegen sind jene fiebrigen Jahre nur golden zu nennen. Hier sitzen die großen Verlage, hier erscheinen die wichtigen Zeitungen, hier leben AutorInnen wie Kurt Tucholsky und Joseph Roth, Irmgard Keun und Bertolt Brecht, Alfred Döblin und Mascha Kaléko, Heinrich Mann und Christopher Isherwood. So nimmt es nicht weiter wunder, dass es auch die junge Schweizer Autorin Annemarie Schwarzenbach in die deutsche Kapitale zieht. Von 1931 bis 1933 lebt sie überwiegend in Berlin, zuletzt in der Kaiserin-Elisabeth-Straße, einer Parallele am westlichen Rand des Kiezes.

Annemarie Schwarzenbach wird 1908 in Zürich in eine schwerreiche Schweizer Industriellenfamilie geboren. Sie studiert Germanistik und Geschichte in Paris und Zürich und arbeitet ab 1930 in München als Journalistin. Sie entdeckt ihre lesbischen Neigungen und verliebt sich unerwidert in Erika Mann. Ihre blendende androgyne Erscheinung kultiviert sie durch das Tragen kurzer Haare, Hosen, Jacketts und Krawatten und betört damit Männer wie Frauen gleichermaßen. Thomas Mann notiert, dass sie, wäre sie ein Jüngling, unvergleichlich hübsch wäre. Als überzeugte Antifaschistin verlässt sie Deutschland nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten. In der Folge finanziert sie die von Klaus Mann gegründete Exilzeitschrift „Die Sammlung“, die bis 1935 in Amsterdam erscheint. In den 1930er Jahren unternimmt sie ausgedehnte Reisen in die USA, die Türkei und den Kongo sowie nach Afghanistan und Persien. 1935 geht sie eine Vernunftehe mit einem schwulen Diplomaten ein. Annemarie Schwarzenbach stirbt 1942 in Sils an den Folgen eines Fahrradunfalls.

In ihre mondänen Berliner Jahre fallen die Prosatexte „Freunde um Bernhard“ (1931) und „Lyrische Novelle“ (1933). Sie sind gekennzeichnet von einem romantisch-schwülstigen Stil und drehen sich in autobiographischer Manier um innerpsychische Befindlichkeiten und um Fragen der Ästhetik und des Geschmacks. Schwarzenbach setzt sich verschlüsselt mit ihrer Homosexualität auseinander und schildert in ungelenker Weise ihre Schwierigkeit, wahren Kontakt zu Menschen zu finden. In der „Lyrischen Novelle“ heisst es: „Ich hätte Irmgard gern noch gesehen. Aber ich hatte Angst, bei ihr wieder weich zu werden, und musste doch fort. Ich fuhr durch eine andere Strasse, um nicht an ihrem Haus vorbeizukommen.“ Die unbekümmerten Texte wirken angesichts der sich zuspitzenden politischen Großwetterlage provokant privat und sorglos und werden von der Kritik durchweg abschätzig beurteilt.

Als sie Mitte der 1930er Jahre beginnt, Reisereportagen zu verfassen, wird ihre Diktion karger und abstrakter, es rücken soziale Missstände in den Blick, etwa das weit verbreitete Elend in den USA während der großen Depression. Schwarzenbach, schwer depressiv und rauschgiftsüchtig, artikuliert in Briefen und Tagebuchskizzen immer wieder starke Zweifel am Geschaffenen, sie schätzt die Qualität ihrer Texte als gering ein und lamentiert über die „Qual der Talentlosigkeit“. Gleichwohl setzt sie sich immer wieder an die Maschine und schreibt quasi therapeutisch, um das Gefühl der Einsamkeit und des Lebensüberdrusses abzumildern. Ihr Buch „Das glückliche Tal“ (1939) schildert eindringlich die schroffe Schönheit der Weite Persiens und ihre verzweifelten Versuche, vom Morphium loszukommen. Nach dem zweiten Weltkrieg gerät sie in Vergessenheit. Seit dem Ende der 1980er Jahre werden ihre Schriften neu editiert, sie wird wiederentdeckt zunächst als trauriger Rosenkavalier einer internationalen Bohème, schließlich als ernst zu nehmende Autorin.

Eine umfangreiche Ausstellung anlässlich der 100. Wiederkehr des Geburtstags von Annemarie Schwarzenbach am 23. Mai 2008, aktuell in Zürich zu sehen, erinnert mit zahlreichen Fotos, Briefen, Erstausgaben ihrer Bücher und weiteren Dokumenten an ihr Leben und Werk. Die Schau wird ab dem 13. Juni 2008 im Literaturhaus Berlin in der Fasanenstraße zu sehen sein.

Andrea Bronstering - Gastautoren, Kunst und Kultur - 22. Mai 2008 - 00:20
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