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"Lange Nacht der Museen"

Ausstellungseröffnung im Keramik-Museum Berlin

Am Samstag, 30. August 2008 kann man von 18:00 bis 02:00 Uhr bei der Langen Nacht der Museen wieder Berliner Museen und Parks entdecken. Auch bei uns am Kiez gibt es dazu ein wirklich umfangreiches Angebot. So ist diesmal die erst kürzlich eröffnete Sammlung Scharf-Gerstenberg mit den "Traumgärten der Kunst" zum ersten Mal dabei - zwei weitere besondere Angebote (Museum Charlottenburg-Wilmersdorf und Schloßpark) hatten wir schon bei den Kiezer News vorgestellt.

Hier nun ein anderes ganz spezielles Event im Keramik-Museum Berlin im ältesten Haus von Charlottenburg in der Schustehrusstraße 13.

Im Rahmen der "Langen Nacht der Museen" am 30.08.2008 findet um 19 Uhr die Ausstellungseröffnung zur neuen Sonderausstellung "Keramik aus den Steingutfabriken Velten-Vordamm" statt mit einem Vortrag von Nicole Seydewitz (Keramikmuseum Velten):
"Dec. 29 : Paradiesgarten" über den erfolgreichen Entwurf von Charlotte Hartmann.

Charlotte Hartmann -Terrine, Velten, Anfang 20er Jahre / © Keramik-Museum Berlin


Die Steingutfabriken Velten-Vordamm

Das Stammwerk des Betriebes lag im märkischen Vordamm bei Driesen an der Ostbahn (heute in Polen) und war seit 1901 im Besitz der Familie Harkort. Dort wurden einfache Steingutgeschirre gefertigt. Erst nach 1908, als Dr. Hermann Harkort jun. Die Geschäftsführung übernahm, kam allmählich Bewegung in das Erscheinungsbild der Steingutware. Es wurden Künstler wie z.B. die jungen Berliner Bildhauer Richard Scheibe und Gerhard Marcks für die „Märkische Kunstkeramik“ engagiert. Der Betrieb wurde 1911 in den Deutschen Werkbund aufgenommen und konnte so von Anbeginn seine künstlerischen Produkte bei den Ausstellungen des Werkbundes präsentieren. Nicht weit vor den Toren Berlins gelegen, liegt der Industrieort Velten, von dem aus noch zu Anfang des letzten Jahrhunderts viele Ofenfabriken mit ihren Produkten die Großstadt versorgten. 1913/14 ließ dort Hermann Harkort ein modernes Werk errichten, das jedoch erst nach 1919 seine Produktion richtig aufnehmen konnte. Ursprünglich als Wandplattenfabrik geplant, wurde nun künstlerisch qualitätsvolles, handbemaltes und zugleich preiswertes Geschirr aus Steingut in großen Serien produziert.
Die unmittelbare Nähe zur Reichshauptstadt und die Beziehungen zum Lehrinstitut von Bruno Paul ermöglichten den direkten Kontakt zu zahlreichen experimentierfreudigen Künstlern: Harkort gewährte vielen von ihnen eine lockere Mitarbeit in seinem Betrieb: Ludwig Gies, Bruno Paul selbst, Charles Crodel, Martin Hahm, Walter Schmarje, Walter Reger und Walter Sutkowski.
Prägende Kraft bis 1924 war hier die junge Künstlerin Charlotte Hartmann, die auf Vermittlung der Professoren Gerhard Marcks und Ernst Böhm als künstlerische Leiterin an das Veltener Werk kam. Zahllose fantasievolle Dekore entwickelte sie für die Serienproduktion, die dann von ca. 100 Malerinnen individuell auf dem Steingutscherben ausgeführt werden konnten.
Seit etwa 1923 beschäftigte sie sich auch mit der Fertigung von Einzelstücken und kleinen Serien in Fayence. Nach ihrer Heirat Ende 1924 gab Hartmann die künstlerische Verantwortung des Betriebes an ihre ehemalige Mitschülerin Else Dörr ab. Dieser folgte 1927 Hedwig Bollhagen, die in Velten den Stil fand, den ihre Arbeit bis ins hohe Alter bestimmen sollte.
Seit 1923 stand auch das Bauhaus mit dem Veltener Werk in Kontakt, der junge Bauhaustöpfer Theodor Bogler fertigte Entwürfe von Prototypen für eine Küchengarnitur, die dann auch in den Steingutfabriken hergestellt wurde. 1925-26 übernahm Theodor Bogler die Leitung der Modellwerkstatt in Velten und konnte wie Werner Burri, der auch aus Dornburg kommend sein Nachfolger wurde, die Möglichkeiten des keramischen Großbetriebes für ihre formalen Experimente nutzen.
Dr. Harkort schreibt über sie in seinen Erinnerungen "Ein Jahrzehnt Veltener Keramik": "Gleichzeitig waren Künstler tätig, die sich im wesentlichen auf die Fayence beschränkten. Unter ihnen Theodor Bogler, der vom Weimarer Bauhaus kam und in klarem, schlichtem Stil Vasen, Kübel, Leuchter, Brunnen und dergleichen formte. Bemerkenswert sind die besonders ausdrucksvollen Masken in farbig glasierter Baukeramik für ein Freilicht-Theater und sein Bemühen um die Veredelung kirchlichen Kunstgewerbes. Der Schweizer Werner Burri hatte ebenfalls am Bauhaus getöpfert. Auch er verlieh seinen wohlproportionierten fein gegliederten Formen mit zarten Farbtönen oder graziös-fein-sinnigen Bemalungen eine eigene Note."

Die Weltwirtschaftskrise und das neue amerikanische Zollgesetz von 1930 trieben die Exportkosten so sehr in die Höhe, dass Betriebe, wie die Steingutfabriken Velten-Vordamm, die stark von der Ausfuhr nach Übersee abhängig waren, ruiniert wurden.
Im Frühjahr 1931 mussten die Steingutfabriken stillgelegt werden.


In unserer Ausstellung würdigen wir besonders das Werk von Charlotte Hartmann. Die Künstlerin wurde vor 110 Jahren in Berlin geboren und war eine der prägenden Künstlerinnen in den nur fünf Jahren ihrer Tätigkeit für das Veltener Werk der Steingutfabriken (1919-1924). Sie entwarf eine große Vielfalt an Dekoren, darunter ihr berühmtestes, das "Decor 29", im Werksjargon auch "Paradiesgarten" genannt. Zahlreiche Unikate von ihr sowie viele Entwürfe ihrer Künstlerkollegen in Velten und Vordamm werden in unserer Ausstellung, die bis 26. Januar läuft, gezeigt. Unter den rund 150 Exponaten finden sich Arbeiten von: T. Bogler, H. Bollhagen, W. Burri, C. O. Czeschka, E. Dörr, U. Fesca, G. Frommann, W. Gothein, G. Guzinski, M. Hahm, L. Harkort, Ch. Jartmann, W. Kreidl, G. Marcks, M. Meyfarth, M. Müller, W. Stock und W. Sutkowski.

Keramik-Museum Berlin

Gerda Frommann - Buchstützen um 1929 / © Keramik-Museum Berlin

Werner Burri um 1928 / © Keramik-Museum Berlin

- Kunst und Kultur - 28. August 2008 - 00:10
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