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Uraufführung an der Deutschen Oper

Aribert Reimann vertont Maurice Maeterlinck


Das Leben läuft in seinem festgefügten und scheinbar unerschütterlichen Gang dahin; doch unvermittelt gerät die heile Welt aus den Fugen.

Das ist eine Erfahrung, die ganze Nationen durchmachen, wenn es plötzlich wie aus heiterem Himmel Bomben regnet, und es ratsam ist, fluchtartig friedlichere Gefilde aufzusuchen. Aber auch dort leben Menschen, die vor solchem Schicksal nicht gefeit sind, was sie sich aber kaum vorstellen können.

Ein Meister, der solche Ahnungen bevorstehender Umbrüche literarisch zu verarbeiten vermag, ist der Literaturnobelpreisträger Maurice Maeterlinck. Aber erst vermittels der Musik vermögen sich seine Worte und Geschichten dauerhaft in den stets lebendigen Schatz der Bühnenpräsenz einzuschreiben. Das gelang Komponisten wie Arnold Schönberg und Jean Sibelius, am erfolgreichsten jedoch Claude Debussy, der aus Maeterlincks Märchenstück „Pelias et Melisande“ eine Oper schuf, die bis heute zum Standardrepertoire gehört.

Nunmehr widmet sich der Berliner Komponist Aribert Reimann diesem Dichter. Am 8. Oktober wird an der Deutschen Oper sein Werk „L’Invisible“ uraufgeführt. Diese „Trilogie lyrique“ greift auf Maeterlincks frühe Einakter „Der Eindringling“, „Interieur“ und der „Tod des Tintagiles“ zurück, die zwischen 1890 und 1895, also fast gleichzeitig mit „Pelias et Melisande“ (1892) entstanden.

 

„L’Invisible“ - Uraufführung an der Deutschen Oper / Foto © Frank Wecker

Als ungesehener Gast sitzt der Tod bereits mit am Familientisch: Seth Carico als Vater, Thomas Blondelle
als Onkel, Rachel Harnisch als Mutter und Stephen Bronk als Großvater. Foto: Wecker
 

„L’Invisible“ in der Deutschen Oper / Foto © Frank Wecker

Der Onkel (Thomas Blondelle), und Seth Carico (rechts) versuchen vergebens
dem unausweichlichen Unglück (Stephen Bronk) zu wehren. Foto: Wecker

 
Aribert Reimann ist einer der bedeutendsten zeitgenössischen Komponisten. Er schreibt Orchestermusiken für kleine und große Ensembles, kammermusikalische Werke, Ballettmusiken, Vokalmusik und vor allem Opern. Neun Opern sind es mit der jetzigen Uraufführung, die alle nach dramatischen Vorlagen der Weltliteratur entstanden. Dazu kommen noch zwei Ballette, die nach Libretti von Günter Grass komponiert wurden.

 

„L’Invisible“ in der Deutschen Oper / Foto © Frank Wecker

Die beiden Schwestern (Rachel Harnisch und Annika Schlicht, stehend) wähnen ihren
Bruder (Gelimer Reuter) sorgenfrei in einer tröstlichen Traumwelt. Foto: Wecker

 
Im Schaffen Aribert Reimanns spielt die Deutsche Oper von Beginn an eine besondere Rolle. Hier begann er im Alter von 18 Jahren seine musikalische Laufbahn als Korrepetitor und hier wurden allein drei seiner Hauptwerke uraufgeführt. Im Auftrag dieses Hauses hat er zwei weitere Opern komponiert, die mit „Bernada Albas Haus“ 2000 in München und mit „Medea“ 2010 in Wien uraufgeführt wurden. „L’Invisible“ ist sein drittes Auftragswerk der Deutschen Oper, das von der Siemens Musikstiftung und dem Förderkreis der Deutschen Oper unterstützt wird.

 

„L’Invisible“ in der Deutschen Oper / Foto © Frank Wecker

Die beiden Schwestern (Rachel Harnisch und Annika Schlicht) rüsten ihren Bruder (Gelimer Reuter), damit
er sich vor der Verfolgung der unsichtbar bleibenden bösen Königin schützen könne. Foto: Wecker

„L’Invisible“ in der Deutschen Oper / Foto © Frank Wecker

Brutal ist der Krieg in die heile Welt eingebrochen. Foto: Wecker

Musikalisch hat er sein jüngstes Werk reizvoll gestaltet, indem er jeden Teil anders instrumentalisiert. Zunächst kommen nur die Streicher zu Gehör, dann die Holzblasinstrumente und erst im dritten Teil setzt er die volle Klangfülle eines Symphonieorchesters ein. Ein anderer Uraufführungsort als die Deutsche Oper ist kaum denkbar, denn welches Haus kann schon die äußerst raren Countertenöre gleich dreifach einsetzen? Aribert Reimann läßt von ihnen (Tim Severloh, Matthew Shaw und Martin Wölfel) als Todesboten die Ereignisse auf der Bühne kommentieren. Selbst kleine Rollen kann das Haus mit Ronnita Miller als Dienerin hervorragend besetzen. Der Hauptteil des Abends wird von den Damen Rachel Harnisch und Annika Schlicht sowie den Herren Seth Carico, Stephen Bronk und Thomas Blondelle bestritten. Am Gelingen haben ebenso die alternierend besetzten Kinder Gelimer Reuter und Salvador Macedo Anteil.

„L’Invisible“ in der Deutschen Oper / Foto © Frank Wecker

Mit einem Schattenspiel und dem Blick durchs Wohnzimmer läßt Regisseur Vasily Barkhatov
Stephen Bronk und Thomas Blondelle das Unglück schildern, von dem die Familie
in der Vorbereitung des Heiligen Abends noch nichts ahnt. Foto: Wecker
 

Die musikalische Leitung hat Generalmusikdirektor Donald Runnicles. Für die Regie konnte der Russe Vasily Barkhatov erstmals für die Deutsche Oper verpflichtet werden. Er hat mit dem Einsatz des Schattentheaters eine interessante Möglichkeit gefunden, epische Handlungsbeschreibungen dramatisierend in das Bühnengeschehen einzubinden.

Die nächsten Vorstellungen sind am 18. 19.30 Uhr, 22. 18 Uhr, 25. 19.30 Uhr und am 31. Oktober 18 Uhr. Karten ab 24 Euro können telefonisch unter (30) 343 84-343, per E_Mail unter info@deutscheoperberlin.de sowie im Webshop der Deutschen Oper bestellt werden.

Frank Wecker

 

FW - Gastautoren, Kunst und Kultur - 07. Oktober 2017 - 22:24
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