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Die letzten Kriegstage eines 14jährigen

Am 27. April stand mein Vater plötzlich vor der Tür unseres Hauses in Blankenfelde und rief: „Die Russen sind da!“ Ich weiß nicht, warum ich aufs Fahrrad sprang, um nach Berlin zu meiner Schwester zu fahren, denn ich kannte mich dort ja gar nicht aus. Den ersten Halt machte ich in Lichtenrade. Dann radelte ich weiter. Es regnete in Strömen. In Tempelhof gab es einen Tieffliegerangriff, Maschinen mit rotem Stern. Eine Frau nahm mich mit in einen Keller. Überall verbreitete ich Angst und Schrecken, wenn ich berichtete, daß die Russen mit Panzern vor der Stadt stehen.

Ich irrte weiter herum, kam zur Straße Unter den Eichen und schließlich nach Lichterfelde Süd. Auf der Suche nach einer Unterkunft klingelte ich da und dort an Haustüren und bat, zackig mit Heil Hitler! grüßend, um eine Übernachtung für eine Nacht. Frau Linse, Ehefrau eines hohen Nazis, nahm mich auf. „Sie müssen alle Bilder an der Wand verbrennen, wir haben es schon getan, die Russen sind da!“, sagte ich ihr. Sie wollte es nicht glauben, sondern rief einen Bekannten in der nahegelegenen SS-Kaserne (1) an und gab mir den Hörer. Er sagte: „Diese Person sofort auf die nächste SS-Wache bringen und erschießen!“ Mein Todesurteil! Aber Frau Linse hat dann doch nicht bei der Wache angerufen. In der Nacht waren wir im Keller. Draußen war es unheimlich ruhig, nur ab und zu zischte eine Leuchtrakete in den Himmel.

Am Morgen ging ich zum Rathaus, um mir Lebensmittelkarten zu holen. Der Mann an der Ausgabestelle wurde sehr nachdenklich, als ich erzählte, woher ich kam und warum ich hier war. Trotzdem meinte er: „Wenn sie nicht reichen, kannst du nächste Woche wiederkommen.“ Später an dem Tag stand ich am Fenster der Wohnung und sah zu, wie die SS in ihren schwarzen Uniformen marschmäßig ihre Kaserne verließ. Sofort stürmten Zivilisten das Gelände und holten alles raus, was die SS übriggelassen hatte: Zigaretten, Fleischkonserven … Die Menschen traten sich dabei fast tot.

Am nächsten Vormittag begann das Bombardement der Reichshauptstadt. Wir saßen mit Todesangst im Keller. Am darauffolgenden Tag ließ es nach, der Häuserkampf setzte ein. Deutlich war das Brrrrr der deutschen MGs und das Tak-tak-tak der langsameren russischen zu unterscheiden. Alle saßen verängstigt im Keller. Dann waren russische Laute vor dem Keller zu hören. Die Frauen schrien auf: „Die Russen sind da!“ Linse wiegelte ab: „Irrtum, bayerische Stimmen.“ Die Tür wurde aufgebrochen, Soldaten im Regenumhang stürmten rein, nicht gleich als Russen zu erkennen. Linse: „Jungs, wo kommt Ihr denn her?“ Sie suchten nach Militärs und SS, um sie zu erschießen. Die Frauen versteckten sich, es gab keine Vergewaltigungen, Linse war in Zivil.

Eben noch wollte mich Linse mit einem mitgebrachten Seil erwürgen, weil er glaubte, ich sei ein Agent und hätte die Russen in den Keller geholt, da kam der zweite Ansturm. Langsam begriffen sie: Das war nicht nur ein Stoßtrupp, sondern der Krieg war verloren. Linse holte ein Rasiermesser raus. Ich dachte erst, die machen Quatsch, aber dann konnte ich zusehen, wie zwölf Personen sich eine nach der anderen die Pulsadern öffneten. Noch heute höre ich das Zischen des Blutes. Linse ließ mich zufrieden. Eine junge Frau: „Herr Linse, schneiden Sie meinem Sohn die Pulsader auf!“ Linse: „Zu spät.“ Das Kind blieb am Leben. Der Keller schwamm im Schein der Hindenburglichter im Blut. Das geronnene Blut und der Kot machten einen fürchterlichen Gestank. Ich floh in den Hinterkeller, dort war eine völlig andere Welt: Zivilisten und russische Offiziere kochten radebrechend gemeinsam eine Suppe, kein Gedanke an Selbstmord. Ein Sanitäter ging in den vorderen Keller und bandagierte alle, die noch am Leben waren. Das waren die meisten, da sie sich falsch aufgeschnitten hatten.

Im Keller gab es auch kein Wasser, aus den Leitungen kam schon die ganze Nacht nichts, alle waren wie ausgedörrt. „Junge, hier ist ein Eimer, an der Ecke ist eine Pumpe, wir verdursten.“ Keiner der Erwachsenen wagte sich raus. Ich mußte gehen. Berge von toten Russen und Deutschen lagen herum, andere waren halb oder dreiviertel tot, manche stöhnten noch. Die Pumpe ging schwer. Plötzlich krachte es, jemand stieß mich auf die Erde, ich wußte nicht, wie mir geschah, dann wieder Ruhe. Vor mir stand ein russischer Offizier. Ich füllte den Eimer und ging zurück in den Keller. Dort rannte ein Mann rum und schrie fortwährend: „Meine Frau ist tot!“ Sie mußte begraben werden, es war ja kein Winter mehr. Ich mußte mithelfen, sie in den Garten zu schleifen und dort provisorisch zu beerdigen.

Russische Soldaten kamen und suchten nicht mehr nach Militärs und SS-Leuten, sondern etwas zu essen. Zwei Offiziere legten sich auf eine Pritsche und schliefen vor Erschöpfung ein. Als einer aufwachte, war seine Pistole weg. Ich hatte es als einziger gesehen: „Kamerad, Kamerad!“ Die Zivilisten umarmten und küßten mich: „Du hast unser Leben gerettet!“ Ich war plötzlich ihr Held.

Es wurde draußen ruhiger, der Krieg hatte so langsam sein Ende erreicht. Das Essen wurde knapp, und ich wollte zurück zu meinen Eltern. Ich streifte durch die SS-Kaserne, aber alles war geplündert. Ich bettelte von Haus zu Haus um Konserven für die drei Tage bis zuhause. Die Brücke über den Teltowkanal war gesprengt, und ich bin über die Stahlträger rüberbalanciert. In Blankenfelde erzählte ich meinen Eltern über das Kriegsende in Berlin.

 
Diese Bilder von den letzten Kriegstagen sind mir bis heute vor den Augen. Ich konnte die ganze Nacht vor diesem Gespräch nicht schlafen und bin die Geschehnisse Bild für Bild durchgegangen und war selbst geschockt: die Fahrt nach Berlin, der Anruf bei der SS, wie der Angriff auf Berlin begann und wir die Treppe runter in den Keller stürzten, dann Ruhe, die Kaserne … Kurz zuvor im April war ich im Konfirmandenunterricht und hatte beten gelernt. Das hat mich gerettet, immer nur zu beten. Als die ersten Russen kamen, war es für mich wie eine Erlösung.

 
Bernd Lamprecht (aufgezeichnet von MichaelR am 12.9.2013)

 


(1) an der Finckensteinallee in Lichterfelde: 1873 als Preußische Hauptkadettenanstalt entstanden; durch Versailler Vertrag 1920 aufgelöst; Sitz einer reformpädagogischen staatlichen Bildungsanstalt; 1933 Übernahme durch die Leibstandarte SS Adolf Hitler; 1945 bis 1995 als Andrew Barracks von den USA genutzt.

Bernd Lamprecht - Gastautoren, Geschichte - 11. Oktober 2013 - 00:02
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