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Straßen und Plätze: Wilhelmsaue 119 – Orgel der Auenkirche

 
Einerseits: Eine Orgel ist, wenn man auf die einzelne Pfeife schaut, ein sehr beschränktes Musikinstrument, denn jede Pfeife hat nicht nur eine einzige Tonhöhe, sondern auch nur eine einzige Klangfarbe und Lautstärke. (1)
Andererseits: Eine Orgel als ganzes ist ein höchst umfassendes Musikinstrument und kann nahezu ein vollständiges Orchester vertreten. Wie kommt es, daß trotz der Beschränktheit ihrer Einzelteile sie ein so umfassendes Gesamtinstrument ist?

 
Im Innern der Orgel der Auenkirche

Im Innern der Orgel der Auenkirche

Das wird durch verschiedene Mittel möglich, von denen einige wesentliche im folgenden vorgestellt werden.
Die Beschränktheit der einzelnen Pfeife in Bezug auf Lautstärke und Klangfarbe kann überwunden werden, indem man ihr andere Pfeifen derselben Tonhöhe, aber mit anderer Lautstärke und Klangfarbe zur Seite stellt. Das bedeutet, daß es für die ganze Breite der Klaviatur einer Orgel von etwa 4 ½ Oktaven nicht nur einen Satz Pfeifen – ein „Register“ – gibt, sondern eine von der Größe der Orgel abhängige Vielzahl von Registern und damit von Pfeifen, die von jeder einzelnen Taste angespielt werden können. Hat eine Orgel eine große Zahl von Registern, werden diese in Gruppen („Werken“) zusammengefaßt und einer von mehreren übereinander angeordneten tongleichen Klaviaturen – den „Manualen“ – oder dem Pedal zugeordnet. Eines dieser Werke ist das „Hauptwerk“, der zentrale Teil der Orgel mit den wichtigsten Pfeifen. Im „Pedalwerk“ befinden sich die tiefsten Register der Orgel.
Beispiele für Register einer Orgel: Klarinette, Trompete, Oboe, Violon, Cello, Vox cœlestis – siehe auch diesen Überblick über die Dispositionen der Orgel der Auenkirche. Ergänzend können hinzukommen Instrumente wie Zimbelstern und Röhrenglocken.

 

Spieltisch der Orgel in der Auenkirche

Spieltisch

Um eine gleitende Veränderung der Lautstärke zu ermöglichen (Crescendo oder Diminuendo), werden ausgewählte Register in einem Kasten mit Jalousien aufgestellt, genannt „Schwellwerk“. Durch Öffnen und Schließen der Jalousien des Schwellwerks kann die Lautstärke stufenlos verändert werden, wie es für Musik der Romantik benötigt wird.
Ein weiteres Mittel, um den Klang zu verändern, ist das „Koppeln“ von Pfeifen, wodurch mit dem Druck auf eine Taste der Klaviaturen nicht nur die ihr zugeordnete Pfeife betätigt wird, sondern zusätzliche Pfeifen, die die tiefere oder höhere Oktave zum eigentlichen Ton bilden („Sub- und Superoktavkoppeln“). Ebenfalls ist eine Koppelung von Registern möglich.


Die Orgel der Auenkirche

Die Orgel der Auenkirche wurde ursprünglich 1897 von der Firma Furtwängler & Hammer mithilfe einer Stiftung von Christian und Auguste Blisse erbaut. Damals hatte die Orgel 41 Register auf zwei Manualen und Pedal. Seitdem folgten mehrere Erweiterungen, darunter der Einbau von zwei Schwellwerken, so daß sich heute 82 Register mit über 6000 Pfeifen auf vier Manuale und Pedal verteilen. Durch diese Erweiterungen wurde die Orgel der Auenkirche zur zweitgrößten Berlins (2) und zu einer Universalorgel. Aufgrund ihrer sehr vielfältigen Klangmöglichkeiten lassen sich auf ihr Musik aus unterschiedlichen Epochen und Regionen nahezu authentisch spielen: französische Barockmusik und deutsche (3), Romantik und moderne Kompositionen (Klangbeispiele siehe hier und hier).

Eine der Erweiterungen, die von 1961, wird heutzutage jedoch als sehr problematisch angesehen. Damals wurde die Orgel um ein „neubarockes“ Werk als viertes Manual erweitert. Dies geschah im Rahmen der sog. „Orgelbewegung“, der es seit Anfang des 20. Jahrhunderts darum ging, den „dekadenten“ symphonisch-orchestralen Orgelbau der Romantik wieder zurückzuführen auf klare und einfache Formen, wie man sie in der Barockorgel sah. Die Folge war, daß man romantische Orgeln umbaute oder gar abriß. Im Falle der Auenorgel blieb zwar viel vom spätromantischen Bestand erhalten, aber es trat ein Teil hinzu, der aufgrund seiner grellen Schärfe und zu großen Lautstärke nicht mit der restlichen Orgel harmoniert.
 

Restaurierung der Orgel

Für die nächsten Jahre ist vorgesehen, die Orgel grundlegend zu restaurieren und in geringem Umfang zu erweitern. Nötig ist dies geworden aus musikalischen und aus technischen Gründen. Zu den musikalischen gehört insbesondere die Zurücknahme von Teilen des Umbaus von 1961, wie eben erwähnt. Das geschieht durch eine sehr zeitaufwendige Umintonation der Pfeifen der betreffenden Register. Letztlich soll insgesamt erreicht werden, daß die durch Umbauten und Erweiterungen bewirkten teilweisen Unstimmigkeiten klanglicher Art behoben werden.
Was die technischen Gründe der Restauration betrifft, so geht es um Verschleiß vor allem an den Ventilen, der dazu geführt hat, daß manche Töne hängenbleiben oder nicht kommen oder die Ventile bei ihrer Betätigung klappern.
Zum Advent ist ein Spendenaufruf vorgesehen, um die erwarteten Kosten von 300.000 € zu decken – über eigene Rücklagen, einen Anteil aus der Kirchensteuer und mögliche Unterstützung des Denkmalschutzes hinaus.

Kantor Winfried Kleindopf

Kantor Winfried Kleindopf

    

Musik in der Auenkirche

Wenn man die Donnerstagsbeilagen der Tageszeitungen mit dem Wochenprogramm unter der Rubrik „Klassik“ durchsieht, stößt man häufig auf Aufführungen in Kirchen. Das trifft auch auf die Auenkirche zu. Besonders unter Jörg Strodthoff (1959-2013) hatten hier Orgelkonzerte und Aufführungen von Chorwerken einen bedeutenden Aufschwung genommen.
Diese Tradition wird auch unter Winfried Kleindopf (4), der seit 2014 sein Nachfolger ist, fortgesetzt mit jährlich drei Oratorienaufführungen und mehreren Orgelkonzerten. Die nächsten Termin sind ein Orgelkonzert am 6. November zum 100. Todesjahr von Max Reger und am 19. November Gabriel Faurés Requiem sowie weitere Werke von J.S. Bach, M. Reger u.a. (siehe hier Konzerthinweise der Auenkirche).

 
Besonderer Dank an Herrn Kleindopf für seine ausführliche Beantwortung meiner Fragen zur Orgel der Auenkirche.
 
MichaelR


(1) Im Vergleich dazu ein anderer „Luftklinger“, die Blockflöte: Durch Schließen und Öffnen der Grifflöcher lassen sich verschieden hohe Töne erzeugen, die Stärke und Geschwindigkeit des Luftstroms bestimmt die Lautstärke, und man kann begrenzt die Klangfarbe ändern durch unterschiedliche Anblastechniken und durch die Art der Phrasierungen.

(2) Die Domorgel ist die größte mit über 100 Registern.

(3) Bedingt durch die technische Unmöglichkeit, vor Erfindung der Aufzeichnung von Tönen den Klang von Orgeln miteinander zu vergleichen, entstanden territorial begrenzte „Orgellandschaften“ mit der Folge, daß je nach Region die Orgeln einen sehr verschiedenen Klang hatten. So waren französische Orgeln der Romantik eher schmetternd, während deutsche eher weich und nuancenreich klangen.

(4) Winfried Kleindopf entstammt einer rheinland-pfälzischen Kirchenmusikerfamilie, studierte 1995-2001 in Leipzig und war 2002-2014 Kantor in Döbeln, zwischen Leipzig und Dresden gelegen.


MichaelR - Gastautoren, Kunst und Kultur - 06. Oktober 2016 - 00:24
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ein Kommentar

Nr. 1, jn, 28.10.2016 - 10:30
Brandenburger Orgelmonat

http://www.kulturradio.de/kulturkalender..

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