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Erinnerungen, vor allem an das Jahr 1945

Die Erzählerin der folgenden Erinnerungen war zu Kriegsende neun Jahre alt.

 
Es muß im April [1945] gewesen sein. Ich wurde 1936 geboren, mein Vater Erich Lange war Beamter (Regierungsinspektor) bei der Reichsversicherungsanstalt (später BfA). Wir wohnten in der Ruhrstraße 18a, direkt gegenüber dem alten Gebäude. Es steht heute noch (der Altbau).

Mein Vater war außerdem schon seit Anfang der 30er Jahre in der NS-Bewegung aktiv, als Pg. (1) und SA-Mann. Wenn der „Führer“ nach Berlin kam, gehörte mein Vater zum Begleitkommando – vor allem bei den Reden im Sportpalast. Meine Eltern hatten 1933 geheiratet; meine Mutter ging mit zwei Pistolen, im Regenschirm versteckt, als Zuhörerin dorthin – um ihm bei Bedarf die Waffen zukommen zu lassen (2).

Im Krieg – er war nicht kv (3), weil er beim Straßenkampf mit Kommunisten einen Stich in die Lunge bekommen hatte; er trug einen Pneu, um die Lunge ständig zu lüften – war er durchgehend bei der Reichsversicherungsanstalt und für die Partei tätig. Er sagte jeden Abend zu meiner Mutter, er müsse nun „zum Kreis“, also offenbar zur Kreisleitung der NSDAP.

Auf dem Nachttisch und in der Garderobe lag ständig eine Pistole, die er beim Nachhause-kommen immer ablegte. Wenn er zum Kreis ging, trug er Stiefel und die SA-Uniform – oder seinen grünen Ledermantel.

Wenn ich krank war, kam der SA-Arzt. An Besuche in Arztpraxen kann ich mich nicht erinnern.

Von den politischen Vorgängen bekam ich nichts mit. Meine Mutter war nicht in der Frauenschaft. Ich ging mit meinem Vater in die Häuser, um für die NSV (4) zu sammeln. Wir verkauften deren Abzeichen. Etwa mit sieben oder acht Jahren ging ich auf eigene Rechnung sammeln mit einer Käseschachtel. Es kam heraus und mein Vater schimpfte heftig; ich musste zu allen Spendern gehen, mich entschuldigen und das Geld zurück geben.

 

Zu Weihnachten, vielleicht 1942 oder 1943, wünschte ich mir eine Negerpuppe. Sie war im Schaufenster bei Wertheim am Potsdamer Platz, wo ich mit meinen Großeltern die Weihnachtsausstellung ansah. Das war mein größter Wunsch, den mir meine Mutter aber strikt verweigerte. Sie meinte, damit könne ich nicht auf die Straße gehen mit dem Puppenwagen. Was würden die Leute sagen...

Ich wollte unbedingt endlich die BDM-Uniform tragen, die man mit zehn Jahren tragen durfte, und stand immer vor dem Schaufenster in der Fechnerstraße. Besonders scharf war ich auf das „Berchtesgadener Jäckchen“, das zur Uniform gehörte. Es war schwarz mit rot und weiß mit Schnürchen um die Taille. (5)

Im Krieg waren wir evakuiert, die Mutter und ich. Erst in Oberrottweil am Kaiserstuhl, dann in Ostpreußen, bis Januar 1945. Von dort kehrte meine Mutter auf eigene Faust mit mir vorzeitig zurück, zum Entsetzen meines Vaters.

Mein Vater wurde zum Volkssturm eingezogen und in der Hasenheide stationiert, wir besuchten ihn dort oft. Im April 1945 befehligte er in der Uhlandstraße den Bau von Barrikaden (Höhe Goethe-Gymnasium), quer über die Straße. Wir besuchten ihn oft und brachten ihm Essen. Eines Tages hörte ich, wie sich meine Mutter mit Nachbarn unterhielt und immer „Furchtbar, furchtbar“ sagte. Ich kam neugierig näher und hörte, daß in der Uhlandstraße ein junger Mann in Uniform an einem Laternenpfahl aufgehängt worden war – Soldat oder Hitlerjunge (6). Gesehen habe ich ihn nicht. Als meine Mutter das gehört hatte, ging sie mit mir immer einen anderen Weg, damit ich es nicht sehen konnte.

In der Reichsversicherungsanstalt war ein Lazarett eingerichtet, wo nur ein Arzt und mein Vater tätig waren, an andere Personen kann ich mich nicht erinnern. Mein Vater musste immer die Todesnachrichten an die Angehörigen schreiben. Die Toten waren im Innenhof auf Tragen abgestellt, wir Kinder gingen oft aus Neugier hin.

Und dann kam der 30. April. Mein Vater hatte die Angewohnheit, morgens gegen zehn Uhr zum Frühstück zu uns über die Straße zu kommen. Doch an diesem Tag waren wir alle im Keller und warteten auf das Ende. Plötzlich kam ein Kollege, Herr Brückmann, hereingestürzt und rief ganz aufgeregt, Erich Lange liege tot vor der Reichsversicherungsanstalt, von einer Granate getroffen.

Meine Mutter wollte sofort auf die Straße rennen. Sie lief schreiend durch die Keller und konnte nur mit Mühe zurückgehalten werden, auf die Straße zu gehen. In dieser Zeit wurde er ausgeraubt: die Brieftasche mit 800 RM, die er gerade abgehoben hatte, fehlte, den Mantel konnten sie ihm schon nicht mehr ausziehen. In der Reichsversicherungsanstalt gab es einen „Ehrenhof“ für verdiente führende Mitarbeiter. Auch viele Gefallene waren dort in eine Grube geworfen worden. Dort wurde auch mein Vater ohne Sarg eingegraben. Nach etwa einem Jahr wurde er dann umgebettet in einen Sarg und auf dem Friedhof an der Berliner Straße bestattet. (7)

 
Meine Mutter bekam lange keine Unterstützung vom Amt, weil „Naziweibern“ nichts zustehe (8).

Das habe „die Jüdin“ in der Behörde zu ihr gesagt. Dabei war sie unpolitisch und desinteressiert.

Da riß meine Mutter – nach etwa einem Jahr ohne Geld – etwas aus einer Akte, was sie als Beweis brauchte, und rannte damit weg. So erhielten wir dann doch Unterstützung, aber nur ganz wenig.

Die Schützengräben gab es noch lange nach dem Krieg, etwa durch den Preußenpark Es lag vieles darin, sogar manchmal tote Soldaten.

Bei uns wohnte im Parterre ein alter Mann, der seine Volkssturm-Uniform ausgezogen und sich ins Bett gelegt hatte. Als russische Soldaten an seiner Tür waren (man durfte nicht abschließen), verbarg er sich hinter der Schlafzimmertür. Sie zerrten ihn in den Hof und erschossen ihn direkt neben der Haustür mit einer MPi. Er sah furchtbar aus – und lag dann noch tagelang dort. Wir Kinder spielten daneben und gewöhnten uns an den Anblick.

Auf dem Platz vor dem heutigen Bürgeramt (9) war eine Flakstellung. Dort sollen ca. 16 Hitlerjungen umgekommen sein, wie uns eine Nachbarin erzählte.

 
Ilse V., aufgezeichnet und mit Anmerkungen von Frank Flechtmann, 3.8.2013

 


(1) „Parteigenosse“, d.h. Mitglied der NSDAP

(2) Offenbar vor 1933. Siehe die Kurzbeschreibung der Versammlungen 1928-1932 in Engelbrechten/Volz, Wir wandern durch das nationalsozialistische Berlin, o.O. 1937, S. 201-206.

(3) „kriegsverwendungsfähig“

(4) Nationalsozialistische Volkswohlfahrt

(5) Vgl. die Beschreibung in der Deutschen Digitalen Bibliothek.

(6) Mündliche Ergänzung (Telefon, 4.7.2013): „Mußte sehr lange dort hängenbleiben.“ [M.R.]

(7) Siehe dazu auch die Fußnote zu: „Kriegstod April/Mai 1945

(8) Die damaligen Anträge auf Sozialhilfe sahen vor, daß man versichern musste, keiner NS-Organisation angehört zu haben.

(9) Heute Julius-Morgenroth-Platz.


Ilse V. - Gastautoren, Geschichte - 23. September 2013 - 00:24
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ein Kommentar

Nr. 1, neu, 23.09.2013 - 19:42
Ich habe gerade das Buch : “Der Taucher” von Larry Orbach/Vivien Orbach-Smith gelesen.
Die autobiographie eines jüdischen jugendlichen im berliner untergrund 1938-1945. Sehr fesselnd und empfehlenswert, um die sogenannte harmlosigkeit” mancher nazi- und sa-männer – gerade der mitläufer und unteren chargen, aber auch vieler “normalbürger” ohne ns-mitgliedschaft, nachzuvollziehen und erklärbar zu machen.
“Dabei war sie unpolitisch und desinteressiert” (Ilse V)- die auswirkungen einer weitverbreiteten haltung der mehrheit des deutschen “volkes” konkret zu empfinden, läßt sich gut in der lektüre nachweisen…
Doch es ist wertvoll die zeitzeugenschaft – selbst nach über einem halben jahrhundert – auf dem blog erlebbar zu machen.

http://www.buch.de/buch/02994/040_der_ta..

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