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Wie soll es mit den Bezirksbibliotheken weitergehen? – Teil 12

Nachfrage beim Deutschen Bibliotheksverband

 

Lesung in der Ingeborg-Bachmann-Bibliothek (Stadtteilbibliothek West) - Juni 2007


Seit über zwei Jahren (siehe Verzeichnis der Artikel) beschäftigt sich dieser Blog mit der Zukunft der öffentlichen Büchereien im Bezirk. Im Mittelpunkt standen bisher die Schaffung einer zentralen Bezirksbibliothek aufkosten von Stadtteilbibliotheken (Bibliotheksentwicklungsplan) und die innere Aushöhlung der bezirklichen Büchereien. Wir konnten mit dazu beitragen, daß die Schaffung einer Zentralbibliothek verhindert wurde und weiterhin daß die zuständige Stadträtin eine Anweisung erließ, „soweit möglich, sicherzustellen, dass in den bezirklichen Standorten Bezirks- und/oder Kiezliteratur vorhanden ist“ (6. Einwohnerfrage, Antwort zu 2.) – eigentlich doch selbstverständlich?

Der zweite Teil des Interviews mit Diplom-Bibliothekarin Frauke Marth-Thomsen leitete dann über zur Beschäftigung mit dem grundsätzlichen Überlebenskampf der Stadtbüchereien angesichts der Sparmaßnahmen, die der Senat in diesem Bereich anwendet – obwohl die öffentlichen Bibliotheken die am meisten genutzten kulturellen Einrichtungen der Stadt sind. Der heutige Text setzt diese grundsätzliche Diskussion fort. Wir danken Stefan Rogge, dem Geschäftsführenden Vorsitzenden im Landesverband Berlin des Deutschen Bibliotheksverbandes e.V., für die Überlassung seines Beitrags.

 

Frage: Der Erwerbsetat aller Bezirksbüchereien ist von umgerechnet 6,5 Mio € (1993) auf 3,8 Mio. € (2013) reduziert worden; die Zahl ihrer Angestellten von 1098 Stellen (2001) auf 695 (2013); der Gesamtbestand ihrer Medien von knapp 8 Mio. (1992) auf 4 Mio. (2013); und von den 225 öffentlichen Büchereien im Jahr 1994 sind gerade noch 84 (davon 12 Nebenstellen) übriggeblieben (2013): Welche Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten sehen Sie da noch für die Stadtbibliotheken?

Stefan Rogge: Jede Berlinerin und jeder Berliner lieh 2013 im Durchschnitt 6 Medien aus den bezirklichen Stadtbibliotheken aus. Die Stadtbibliotheken in den Bezirken verzeichneten im Jahr 2013 über 7,7 Millionen Besuche. 20,7 Millionen Medienentleihungen wurden registriert. Die Öffentlichen Stadtbibliotheken sind damit die am stärksten frequentierten Kultureinrichtungen der Stadt.

Die Aussichten für die Berliner Öffentlichen Bibliotheken sehen dennoch momentan nicht gerade rosig aus. In den letzten Jahren haben die Stadtbibliotheken sich an die schwierigen finanziellen und personellen Rahmenbedingungen im Land Berlin anpassen müssen. Es wurden Standorte zusammengefaßt, Arbeitsprozesse verschlankt und externalisiert und neue technische Verfahren eingeführt. Wenn Sie sich die Entwicklung der Ressourcen von 1993 bis 2013 ansehen ist es eine gewaltige Leistung, dass die Bibliotheken ihre guten Leistungsergebnisse haben halten können.

Eine Ursache dafür ist, dass sie trotz aller Einsparvorgaben auch wesentliche Fortschritte haben umsetzen können. Mit dem Verbund der Öffentlichen Bibliotheken Berlins (VÖBB) wurde eine erhebliche Verbesserung des Service erreicht. Unsere Nutzerinnen und Nutzer können heute Medien aus jeder VÖBB-Bibliothek bestellen und sich zusenden lassen, sich Abholbenachrichtungen auf das Handy schicken lassen, Leihfristen bequem zuhause am PC verlängern und sogar eBooks über die VÖBB-Onleihe ausleihen. Bibliotheken sind zwar meritorische Güter mit einem gesellschaftspolitisch definieren Auftrag, unterliegen aber den gleichen Anforderungen, die Kundinnen und Kunden an den Einzelhandel richten.

Daraus ergeben sich natürlich Zielkonflikte, die auch schon Frau Mahrt-Thomsen hier beschrieben hat. Erhält man Standorte, die mangels Personal nur noch an zwei Wochentagen geöffnet haben oder konzentriert man sich auf größere, räumlich attraktivere Gebäude, die mit besseren Öffnungszeiten stärker frequentiert sind? Schiebt man weniger gut genutzte Bücher in den Keller ab, wo sie vermodern oder nimmt man sie komplett aus dem Bestand, um den Rest besser präsentieren zu können? Investiert man in IT-gestützte Angebote, um die digitale Spaltung der Gesellschaft zu vermeiden oder bewahrt man die traditionell starken Bestandssegmente? Ich würde behaupten, dass die Öffentlichen Bibliotheken sich in diesem Spannungsverhältnis in den letzten Jahren sehr verantwortungsvoll, kreativ und erfolgreich in der wirtschaftlichen Finanznotlage der Stadt verhalten haben. Bibliotheken haben bewiesen, dass sie wirtschaftlich vernünftig und ihrem gesellschaftlichen Auftrag entsprechend angemessen agieren können – wenn man sie läßt.

Aber genau diese Handlungsmöglichkeit zu einer bewußten Weiterentwicklung sind den Bibliotheken momentan genommen. Sie werden angesichts des dramatischen Personalabbaus durch die den Bezirken bis 2016 auferlegten Einsparvorgaben nur noch auf ein rudimentäres Kerngeschäft reduziert. „Mengenerhalt“ und „Kostensenkung“ sind durch das in Berlin angewandte Budgetierungssystem die den politisch Verantwortlichen auferlegten Ziele. Wer als Bezirk Medienentleihungen günstiger realisiert, erhält mehr Mittel, wer teurer „produziert“ muß einsparen. Dieses System der sog. Kosten-Leistungsrechnung (KLR) ist aber m.E. gar nicht das Problem. Die Forderung, dieses für alle Verwaltungsprodukte der Bezirke angewandte Finanzzuweisungssystem abzuschaffen ist naiv und unrealistisch.

Was fehlt ist eine Aussage, wieviel Bibliothek und damit wieviele Bibliotheken und Bibliotheksleistungen das Land Berlin denn insgesamt bereitstellen will. Natürlich sollen Bibliotheksangebote wirtschaftlich sein und es kann den Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern nicht egal sein, wenn in einem Bezirk eine Medienentleihung doppelt so teuer ist wie im Nachbarbezirk. Damit ist die KLR sicher ein Indikator für Verbesserungspotenziale. Es sagt nur leider niemand, auf welchem Leistungsniveau denn ein wirtschaftliches Ergebnis aufrechterhalten werden soll. Wenn in zwei Bezirken also eine Entleihung einen Euro Kosten verursacht, dann ist das im Sinne der angewandten sog. Medianbudgetierung OK, auch wenn in einem Bezirk so 2 Mio. Entleihungen realisiert werden und in dem anderen nur 100 Entleihungen.
 

Problem 1: Es gibt kein verbindliches Versorgungsniveau in Berlin für Bibliotheksangebote

Warum gibt es das nicht? Bibliotheken sind eben keine per Gesetz definierten Pflichtaufgaben der Kommunen und als Bürgerin und Bürger habe ich eigentlich gar keinen Anspruch darauf, dass es Stadtbibliotheken in den Bezirken gibt. Obwohl die Enquete-Kommission des Bundestages „Kultur in Deutschland“ dies ausdrücklich empfiehlt, gibt es in nur wenigen Bundesländern Bibliotheksgesetze. Und auch dort, wo es sie gibt, haben sie oft nur deklaratorischen Charakter. In einem Expertengutachten aus dem Jahr 2005 haben Fachleute aus dem Bundesgebiet für Berlin zwar Mindeststandards formuliert (z.B. 1,50 EUR Medienetat pro Einwohner – in 2013 lag dieser Wert in den Stadtbibliotheken bei 1,12 EUR im Durchschnitt), diese wurden aber nie rechtsverbindlich wirksam. Der Landesverband Berlin im Deutschen Bibliotheksverband e.V. fordert daher ein Bibliotheksgesetz, das auch die Fortschreibung eines Bibliotheksentwicklungsplans vorsieht mit berlinweit einheitlichen Leistungsstandards.

Obwohl die SPD dies für die letzte Abgeordnetenhauswahl in ihr Wahlprogramm als Ziel aufgenommen hatte, blieb es in der Koalitionsvereinbarung für diese Legislaturperiode unberücksichtigt. Der Regierende Bürgermeister hat als für die Kultur zuständiger Senator dem Anliegen, zuletzt in der Sitzung des Kulturausschusses des Berliner Abgeordnetenhauses am 28.04.2014, eine klare Absage erteilt. Ob ein Gesetz allein die Talfahrt der Stadtbibliotheken bremst, kann man sicher kontrovers diskutieren. Alternative Lösungsmöglichkeiten werden aber in der Berliner Politik derzeit auch nicht erwogen, so dass in der Konkurrenz zwischen den einzelnen Verwaltungsbereichen die Bibliotheken immer größere Probleme bekommen, ihre berechtigten Anforderungen legitimieren zu können.
 

Problem 2: Es gibt keinen Zwang zu einem einheitlichen Vorgehen bezüglich der Bibliotheken

„Jeder stirbt für sich allein“, könnte man derzeit die Situation der Bezirksbibliotheken beschreiben. Zwar finanzieren die Bezirke gemeinsam den Betrieb des Verbundes der Berliner Öffentlichen Bibliotheken (VÖBB), doch ein Zwang zur gemeinsamen Weiterentwicklung besteht hier nicht. Jeder Beschluss mit finanziellen Auswirkungen in der für die Weiterentwicklung und den Betrieb des VÖBB zuständigen Verbundkonferenz bedarf der Zustimmung aller Verbundteilnehmer. Hat nur ein Bezirk keine Mittel, scheitert das ganze Projekt. Wenn hier künftig keine Strukturen geschaffen werden, die den nötigen Handlungserfordernissen auch verbindliche Entscheidungen folgen lassen, wird jeder Bezirk weiterhin nur den eigenen (sicher für den Bezirk gut gemeinten) Egoismen folgen.

Ein Beispiel ist hier die Einführung der sog. RFID-Technik mit den neuen Selbstverbuchungsmöglichkeiten für die Nutzerinnen und Nutzer. Diese Technik wird überwiegend gut angenommen, so dass inzwischen über 90% aller Medienentleihungen an den Geräten von den Bibliotheksnutzerinnen und –nutzern selbst vorgenommen werden. Die damit einhergehende Entlastung der Bibliotheksbeschäftigten sollte laut Projektidee in die Erweiterung der Öffnungszeiten und in Leseförderprojekte einfließen. Tatsächlich hat der in vielen Bezirken praktizierte Personalabbau diese positiven Effekte längst aufgefressen und statt Serviceverbesserungen sind Standortschließungen die Folge, während andere Bezirke tatsächlich Öffnungszeiten erweitern können. Die Uhr läßt sich aber nicht zurückdrehen. Ohne die RFID-Technik müßte längst ein Drittel aller Bibliotheken schließen. Was fehlt ist ein rechtlicher und/oder struktureller Rahmen, der Investitionen in Bibliotheken absichert und ihnen den Vorteil eigener Anstrengungen zur Verbesserung beläßt.
 

Problem 3: Die Probleme werden verschleppt

Unter dem Handlungsdruck, den nächsten Haushalt aufstellen zu müssen, werden sinnvolle Maßnahmen verzögert oder substanzielle Fehlentscheidungen getroffen. So mag es zwar zweckmäßig sein, Standorte aus Kostengründen zu schließen oder deren Flächen zu verringern, dies wirkt aber langfristig kontraproduktiv. Denn auf weniger Raum stehen weniger Medien zur Nutzung zur Verfügung, die dadurch weniger oft ausgeliehen werden und dadurch zu einem Rückgang des Output führen, der wiederum zu einer geringeren Finanzzuweisung führt. Im Ergebnis entsteht eine „Todesspirale“. Die Bibliotheken werden immer kleiner bzw. weniger und die Abnahme ihrer Attraktivität begründet zugleich wieder ihre Unwirtschaftlichkeit und Schließung. Ein ähnlicher Effekt tritt auf, wenn der Medienetat gekürzt wird. Weniger Medien führen zu weniger Entleihungen. Der Bestand wird immer antiquarischer und damit unattraktiv, was wiederum zu sinkender Nutzung führt und dann im nächsten Schritt als Begründung dafür hergenommen wird, die Mittel zu seinem Erhalt weiter zu senken. Spürbar wird das leider erst nach ein paar Jahren, so dass diese Kosteneinsparungen anfangs ganz probat erscheinen. Auch das Festhalten an der baulichen Hülle einer Bibliothek führt zu ähnlichen Problemen, wenn der angebotene Inhalt immer weiter ausgedünnt wird. Kurz: wenn kein Personal mehr da ist und keine neuen Medien mehr beschafft werden, verbleibt das Bibliotheksgebäude ausschließlich als Infrastrukturkostenträger. Wird dieser Prozess nicht durch ein Konzept begleitet, was den eigentlichen Stellenwert der Bibliothek als Informationsdienstleister durch z.B. eine Anreicherung mit soziokulturellen Aufgaben zur Stärkung der Nachbarschaften im sozialräumlichen Umfeld der Bibliothek kompensiert, verbleibt eine sinnentleerte Gebäudehülle, die man dann auch gleich schließen kann.

Wer Bibliotheken erhalten will, muß auch den Erhalt des Personals und des Medienetats fordern. Es greift zu kurz, wenn die Bezirksverordnetenversammlungen den Fachämtern auferlegen, keine Standorte zu schließen, zugleich aber im Haushalt Personalstellen streichen und Sachmittel kürzen. Die Stadtbibliotheken sind am Ende der Rationalisierungsmöglichkeiten im eigenen Verantwortungsbereich. Immer mehr mit immer weniger geht nicht mehr.
 

Problem 4: Vom eigentlichen Problem wird abgelenkt

Die Situation der Berliner Öffentlichen Bibliotheken in der Zweistufigkeit der Berliner Verwaltung ist komplex. Umso einfacher ist es, den Fokus und den Frust auf eine andere Ebene zu verlagern. Beliebtes Streitobjekt ist zur Zeit der Neubau der Zentral- und Landesbibliothek. Nun hat sich Berlin nach rund 100 Jahren Debatte um die Errichtung einer funktionalen und vorbildlichen öffentlichen Zentralbibliothek (ja, die ersten Ansätze dazu gab es nach Bildung der Großgemeinde Berlins) endlich zum Neubau durchgerungen und damit einen wichtigen und wesentlichem Impuls zur Verbesserung der Bibliothekslandschaft gegeben, da wird in der Öffentlichkeit dieser elementare Baustein des Berliner Bibliotheksnetzes auch schon wieder zerredet und auf eine ideologisch auf die Person des Regierenden Bürgermeister projizierte Oberflächlichkeit reduziert. Ich bin mehr als erschrocken darüber, dass in der Öffentlichkeit eine Debatte geführt wird, die die Landes- und Bezirksebene spaltet in ein Entweder-Oder bzw. in ein „Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) versus Bezirke“. Diese Debatte kann nur in die Irre führen.

Berlin braucht dieses Bibliotheksnetz mit Bibliotheken unterschiedlicher Funktion und Größe. Eine ZLB auf dem Niveau einer besseren Bezirkszentralbibliothek hilft den Menschen nicht weiter, eine ZLB ohne ein Netz von Bezirksbibliotheken wird nicht funktionieren. Berlin braucht alle Bibliotheken.

Bibliotheksnutzerinnen und -nutzer sind nicht Leserinnen und Leser ausschließlich einer einzigen Bibliothek für das ganze Leben. Die Lese- und Lernbiografien der Menschen machen fließende Übergänge zwangsläufig notwendig. Wer heute denkt, dass die Bezirksbibliotheken dauerhaft die Strukturdefizite der räumlich zerstreuten ZLB auffangen könnten, irrt. Kommt der Neubau nicht, werden die Bezirke keinen Cent von den eingesparten Mitteln sehen. Aber es stimmt: Der Ärger über wichtige Landesprojekte resultiert natürlich aus der Sprachlosigkeit der Politik hinsichtlich der Zukunft der bezirklichen Infrastruktur. Diese Sprachlosigkeit muß überwunden werden.

Schauen wir uns national und international um, entwickeln sich Bibliotheken immer stärker neben Informationsdienstleistern zu Makerspaces, zu Treffpunkten, in denen kreativ mit und zu dem gefundenen Wissen gearbeitet wird – und das im konkreten Raum, nicht nur virtuell. Diese Flächen braucht Berlin, aber wir brauchen sie auch in den Keimzellen der Lern- und Lesebiografien, in den Stadtbezirksbibliotheken.
 

Was Berlin und seine Bibliotheken jetzt brauchen

 Berlin braucht verbindliche Regelungen für die gemeinsame Weiterentwicklung des Verbundes, insbesondere für die Hebung von Ressourcen für notwendige, zukunftsweisende Projekte. Freiwilligkeit als Basis für gemeinsame Finanzierungsentscheidungen ist angesichts der differenzierten Haushaltsentwicklungen in den Bezirken keine ausreichende Grundlage mehr für zwingend nötige berlinweite Projektaufgaben.

  • Es müssen mehr Bibliotheksbeschäftigte Raum und Zeit bekommen, sich zu Spezialisten zu entwickeln, die die wesentlichen Modernisierungsprojekte konzipieren, initiieren, koordinieren und umsetzen.
     
  • Es braucht eine Absicherung, dass finanzielle Mittel, die die Bibliotheken selbst durch eine effiziente Ablauforganisation im Rahmen der Budgetzuweisung erwirtschaften, für Entwicklungsaufgaben im Bibliotheksbudget verbleiben.
     
  • Es braucht eine starke Zentral- und Landesbibliothek mit einer VÖBB-Servicezentrale, die die gebündelten Ressourcen der Verbundteilnehmer in wegweisenden Projekten koordiniert und Drittmittel akquiriert und einbringt.
     
  • Es braucht ein Ende des Erosionsprozesses in den Bezirken durch verbindliche Mindeststandards und eine verbindliche rechtliche Absicherung der für die Stadt politisch gewollten Leistungen der Bibliotheken.
     
  • Berlin braucht dazu ein gesamtstädtisches Bibliotheksentwicklungskonzept und die Instrumente, um dieses umsetzen zu können.


Ich habe meine Zweifel, dass die Bezirke allein und einzeln noch in der Lage sind, die Probleme und strukturellen Defizite der Bibliotheken zu lösen. Es wäre klug, diese gesamtstädtisch anzupacken. Der Gesetzgeber ist dazu gefordert.

Stefan Rogge

Geschäftsführender Vorsitzender im Landesverband Berlin des Deutschen Bibliotheksverbandes e.V.

 

MichaelR - Gastautoren, Politik - 15. Mai 2014 - 00:02
Tags: ///



fünf Kommentare

Nr. 1, jn, 15.05.2014 - 22:30
einladung zum Schulbibliothekstag: eine weitere möglichkeit die krise der bibliotheken zu thematisieren.Der desolate zustand der schulbibliotheken ist im bezirk bisher völlig “außen vor der tür” gebleiben

http://schulbibliotheken-berlin-brandenb..
Nr. 2, in, 21.05.2014 - 12:56
es lebe die partei bigotterie im bezirk:

http://www.abendblatt-berlin.de/2014/05/..
Nr. 3, Constanze Brockmann, 22.05.2014 - 13:24
Es gibt einen aktuellen grünen Antrag für ein gesamtstädtisches Bibliothekskonzept (Plenum 08.05.) http://pardok.parlament-berlin.de/starwe..
Dazu steht die Behandlung im Kulturausschuss des Abgeordnetenhaus noch aus. Das Thema muss also – hoffentlich bald – bei den Abgeordneten nochmal auf die Tagesordnung kommen.
Nr. 4, jn, 24.05.2014 - 10:05
diskussion zum deutschen bibliothekstag
http://www.kulturradio.de/programm/sendu..

Kann die bibliothek Halemweg gerettet werden ?
http://www.berliner-woche.de/nachrichten..

Arbeitskreis “Kritische Bibliothek”
http://www.kribiblio.de/
Nr. 5, maren, 01.07.2014 - 20:58
Vergeßt das Rad, vergeßt den Computer: Die Bibliothek ist die größte Errungenschaft der Menschheit! Es kann nicht genug davon geben! Sie ist Ort der Begegnung, Ort der (leisen) Kommunikation und Ort der Bildung und Besinnung. Ausschließlich Ausleihe via voebb24.de wäre mehr als bedauerlich, eine regelrechte Amputation des Geistes.

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