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"Goethe lebt in Afrika" - Uta und Amadou Sadji


Ins Leben jedes Menschen brechen immer wieder mal unvorhergesehene Ereignisse ein, schöne oder traurige, die dem Leben einen neuen Aspekt hinzufügen oder seine Richtung ein Stück verändern. Zu den schönen gehörte für mich, Frau und Herrn Sadji vor knapp einem Jahr kennenzulernen. Aus dem Kennenlernen wurde Zusammenarbeit an verschiedenen Publikationen und Freundschaft.
Das Besondere an Frau und Herrn Sadji war, wie sie über mehr als 40 Jahre hinweg ihr gemeinsames Ziel verfolgten: Goethe in Afrika heimisch zu machen. Das war für mich der Grund, im Juli das Kurzportrait Herr und Frau S. zu schreiben und Anfang Oktober außerdem eine Langfassung davon. Nur wenige Tage später, am 19. Oktober, starb Frau Sadji völlig überraschend.
Es folgt hier der Text des ausführlichen Portraits, das unversehens zu einem Nachruf auf Frau Sadji geworden ist.

Uta Sadji  (1939-2009)



Uta und Amadou Sadji

"Goethe lebt in Afrika", so faßt Uta Sadji gut 40 Jahre ihres Lebens zusammen. Goethe war bekanntlich nie in Afrika; wenn man jedoch 'Goethe' als Umschreibung für 'deutsche Kultur' versteht, wird Uta Sadjis Aussage faßbarer, aber es bleibt offen: Was hat denn die deutsche Kultur überhaupt mit Afrika zu tun? Zur Beantwortung dieser für das Lebenswerk von Uta und Amadou Sadji bedeutsamen Frage muß hier ein kleiner Umweg über Frobenius und Senghor gemacht werden.

Der deutsche Ethnologe Leo Frobenius (1873-1938) war nach mehreren Forschungsreisen zwischen 1905 und 1935 in das Afrika südlich der Sahara, auf denen er u.a. afrikanische Mythen und Märchen sammelte, zu dem Ergebnis gekommen, daß deutliche Parallelen zwischen diesen und germanischen Märchen und Volkssagen bestehen - in solchem Maße, daß später der senegalesische Philosoph, Poet und Politiker Léopold Sédar Senghor (1906-2001) einmal zugespitzt feststellte: "Die schwarze Seele und die deutsche Seele sind Geschwister." Überhaupt trugen Frobenius' Gedanken - so sah er, im Gegensatz zu den meisten seiner Zeitgenossen, die afrikanische und die europäische Kultur als gleichwertig an - wesentlich mit dazu bei, daß in den 20er und 30er Jahren die Idee der Négritude entstand: ein gegen die französische Kolonialmacht gerichtetes Konzept von der Eigenständigkeit der afrikanischen Kultur und Lebensweise.

Die Gedanken des Deutschen Frobenius hatten nicht nur den damaligen Studenten Senghor in Paris gepackt, sondern auch den Vater von Amadou Sadji in Senegal. Abdoulaye Sadji wurde ebenfalls ein Vorkämpfer der Négritude sowie ein großer Bewunderer der deutschen Kultur. Seine Bewunderung ging so weit, daß Amadou Sadji als Kind mit ihm klassische Musik anhören mußte, obwohl er doch viel lieber Fußball gespielt hätte: "So sehr war mein Vater für Deutschland." Vielleicht infolgedessen wurde er nie ein berühmter Fußballer, dafür war auch in ihm das Interesse an Deutschland, an der deutschen Kultur und Sprache geweckt.

Deshalb wollte er nach dem Abitur 1953 unbedingt Germanistik studieren, aber damals war Senegal noch eine französische Kolonie, und dieses Fach gab es folglich dort nicht, stattdessen aber eine Vorschrift, die besagte, in Frankreich dürfe bestimmte Fächer nur studieren, wer vorher ein Studienjahr an der Universität Dakar erfolgreich abgeschlossen hatte. Amadou Sadji wählte Geographie als sein Fach und erwarb damit nicht nur ein Stipendium für Toulouse, sondern wurde dadurch drei weitere Jahre später Mitglied einer Studiengruppe von 28 "Geographie-Germanisten" in Leipzig, mit der er bis heute verbunden ist: "Es war einmalig, nach fünfzig Jahren von der Gruppe gesucht zu werden und sie alle im Mai (2009) in Leipzig wiederzusehen!"

Dieser Wechsel von Toulouse nach Leipzig kam so zustande: 1957 nahm Amadou Sadji am internationalen Jugendfestival in Moskau teil und kam dort mit dem Generalsekretär des Internationalen Studentenbunds ins Gespräch: "In Toulouse Germanistik studieren? Das ist doch das letzte! Ich besorge dir ein Stipendium für Leipzig; dort ist Hans Mayer." Amadou Sadji willigte sofort ein, und er hatte zwei gute Gründe dafür: natürlich Hans Mayer, und außerdem die DDR. Denn er war politisch engagiert und wollte für sein Heimatland die Unabhängigkeit, weswegen für ihn die sozialistischen Staaten als Gegner des Kolonialismus "das bessere System" waren. Überhaupt war sein politisches Engagement ihm sozusagen von seinem Vater programmatisch mit dem zweiten Vornamen in die Wiege gelegt worden: Booker - nach Booker T. Washington (1858/9-1915), einem ehemaligen Sklaven und Vorkämpfer für die Gleichstellung der Schwarzen in den USA. So kam also Amadou Sadji als Student der Germanistik und Geographie in die DDR.

Dort war schon von Geburt an Uta Losche. Sie stammt aus dem thüringischen Weiler Straußberg und wurde groß in Auleben, auf der gegenüberliegenden Seite der Kreisstadt Sondershausen. An ihr Abitur 1957 schloß sich als Voraussetzung für das Studium ein praktisches Jahr im VEB Gartenbau in Nordhausen an. Ihre Vorliebe für Pflanzen - ein Erbe von ihren Urgroßeltern, die Gärtner waren - ist noch heute bei ihr zuhause zu spüren. Nach dem Jahr bescheinigte ihr das Kollektiv die gesellschaftliche Eignung, und sie wurde 1958 zum Studium nach Leipzig delegiert. Und dann, gleich am ersten Tag des ersten Studienjahrs, traf sie in ihrer ersten Vorlesung Amadou Sadji.

Als sie zwei Jahre später heirateten, trat genau das ein, was eines der großen Unworte in ihrer thüringischen Kindheit gewesen war: sie lebte jetzt in einer Mischehe - ursprünglich verstanden als Ehe zwischen evangelischen und katholischen Partnern, hier zwischen einer Deutschen und einem Senegalesen. Und damals hieß es dann auch immer: das geht nie gut. Anders im Fall von Uta und Amadou Sadji: sie können ihre goldene Hochzeit feiern.

Das andere Unwort war Negerdorf, womit gemeint war ein Drecksnest, wo sich die Füchse gute Nacht sagen. Auch das ist für sie eingetroffen, aber wieder ganz anders als vorausgesagt: 1964, nach Abschluss ihres Staatsexamens (Germanistik/Romanistik) und seiner Promotion (bei Hans Mayer) gingen sie nach Senegal. Für Amadou Sadji war das eine Selbstverständlichkeit, als junger Afrikaner in sein nunmehr vier Jahre unabhängiges Land zurückzukehren und es aufzubauen, für Uta Sadji, damals noch nicht 25, mitzukommen. Und tatsächlich verbrachten sie, nachdem einige Jahre vergangen waren und Uta Sadji die Wolof-Sprache erlernt hatte, ein Vierteljahrhundert lang jedes Wochenende in einem Dorf namens Bayakh, 50 Kilometer östlich von Dakar, wo ein Freund von ihnen ein Feld hatte und sie sich ebenfalls eins kauften: "Am liebsten saß ich nachts im Dorf, hörte den Unterhaltungen zu und beteiligte mich daran. Dabei kam es so weit, dass ich mich einfach in meinem nordthüringischen Dorf glaubte. Die Art, wie erzählt wurde, und die Geschichten selbst waren wirklich dieselben. Wer hat schon das Glück, so lange und so tief in zwei Kulturen leben zu können?" Gerne hätten sie beide dort ihren Lebensabend verbracht - aber dazu später.

So viel also zu der Frage, was Goethe und Afrika überhaupt miteinander zu tun haben. Amadou und Uta Sadji sind geradezu die verkörperte Antwort darauf. Aber wieso lebt Goethe dort?

Die Antwort hierauf hat auch mit den über 40 Jahren zu tun, die sie in Senegal gearbeitet haben. Die ersten Jahre lassen sich so beschreiben: Sie kamen zurück, um das Land aufzubauen, und waren unwillkommen. Der Grund war, daß Senegal - obwohl seit 1960 unabhängig - noch voll von französischen Beratern und Fachleuten war, die ihre Posten und ihren Einfluß verteidigten. Und das hieß: Wer nach Senegal zurückkam und kein französisches Diplom hatte, der hatte auch keinen Anspruch auf angemessene Arbeit, also im Fall von Uta und Amadou Sadji: kein Deutsch-Lehrauftrag, der war Franzosen vorbehalten. Was ihnen blieb, war ab in den Busch, um in der Kleinstadt Kaolack, 200 Kilometer östlich von Dakar, ohne festen Vertrag fachfremd zu unterrichten, er Englisch, sie Russisch. Überhaupt befand sich in Kaolack eine bunte Truppe von unwillkommenen Senegalesen und Europäern aller Fachrichtungen, z.B. ein Veterinär, der seinen Abschluss in Belgien gemacht hatte, ein Anglist mit britischem Diplom und eine senegalesische Russischlehrerin mit Moskauer Abschluß.

Uta Sadji gefiel es trotzdem dort. Im privat organisierten Deutsch-Club veranstaltete sie die damals beliebten Diaabende und zeigte im Busch Bilder von Kirschbäumen in der Goldenen Aue und von der Dresdner Gemäldegalerie. "Alle waren so lieb." Sie fühlte sich aufgehoben und hätte dort bleiben können. Anders jedoch Amadou Sadji; er wollte doch sein Land voranbringen und nicht im Busch versauern. Also organisierte er einen Protest, der in einem Weißbuch mit den Unterschriften aller Gestrandeten an die Adresse des Ministerpräsidenten gipfelte. Gefordert wurde, wenn schon nicht ihre ausländischen Diplome anerkannt würden, sollten sie wenigstens französische Diplome nachmachen können - auf Staatskosten. Tatsächlich studierten Amadou und Uta Sadji nochmals Germanistik, diesmal also in Frankreich, zuerst in Montpellier, schließlich an der Sorbonne, und ab 1970 durften sie dann als Deutschlehrer in Dakar arbeiten.

Und dann spielte Senghor ganz direkt eine Rolle in ihrem Leben, als nämlich auf seinen Wunsch hin ("Besonders die Kultur des deutschen Sprachraums hat dem Rest der Welt viel zu geben.") 1972 eine Deutsch-Abteilung an der Universität Dakar eingerichtet wurde, an der sie beide fast von Anfang an als Lehrkräfte tätig waren. Finanziert wurde sie von der BRD und Österreich, aber beide Länder waren nicht so recht davon überzeugt, dass es Sinn habe, in Afrika Germanistik zu betreiben; Brunnen zu bohren schien ihnen wichtiger. Der Begeisterung von Uta und Amadou Sadji für ihre neuen Aufgaben tat das keinen Abbruch. Und im Rückblick finden sie sich bestätigt, daß es richtig gewesen sei, sich für die geisteswissenschaftliche Ausbildung der jungen Afrikaner einzusetzen: Gute Bildung und Ausbildung trügen tausendfache Früchte, was sich an den vielen ehemaligen westafrikanischen Germanistikstudenten zeige, die heute in drei Kontinenten verantwortungsvolle Stellen innehaben.

Fünfzehn Jahre nach ihrer ersten Ankunft in Senegal, 1979, trugen Amadou und Uta Sadji durch einen internationalen Kongress zum Thema "Schwarzafrika in der deutschsprachigen Literatur" mit dazu bei, daß 'Goethe in Afrika' offiziell Anerkennung fand unter der Bezeichnung afrikanische Germanistik. Diese unterscheidet sich von der bis dahin dort betriebenen Germanistik insofern, als die hergebrachten drei Schwerpunkte Sprache, Literatur und Deutschlandkunde aus einer neuen Sicht heraus unterrichtet werden, die in vergleichenden und interkulturellen Studien auf die gegenseitigen Beziehungen zwischen der deutschsprachigen Literatur und Kultur und denen in Schwarzafrika Bezug nimmt.

In den folgenden Jahren haben Uta und Amadou Sadji mit einer Vielzahl von weiteren Aktivitäten einen Beitrag dazu geleistet, daß Goethe in Afrika lebt: mit Symposien und der Gründung der zweisprachigen Zeitschrift Études Germano-Africaines (seit 1983), als Leiter der Deutsch-Abteilung der Universität beziehungsweise des Deutschzweigs am Internationalen Institut für Angewandte Fremdsprachen und - die Krönung ihrer Arbeit - mit der Gründung der (ersten afrikanischen) Goethe-Gesellschaft Senegal im Jahr 2002 (mit Unterstützung von Prof. Werner Keller von der Weimarer Goethe-Gesellschaft), nicht zu vergessen ihre Unterrichtstätigkeit, zunächst als Lehrbeauftragte, später als Professoren. Und dann gab es noch ihre private Bibliothek mit 8000 Bänden, die als öffentliche Leih- und Arbeitsbibliothek und als Kulturzentrum den Studenten, Schülern und sonstigen Interessenten aus der Dakarer Vorstadt offenstand.

Aber es ist etwas ganz anderes, fast Unscheinbares, das Amadou und Uta Sadji besonders am Herzen liegt, sozusagen die Anerkennung durch den Alltag, die ihnen zeigt, daß Goethe tatsächlich in Afrika lebt: ein Kalender mit mehreren Goethe-Gedichten und -Textstellen, der in Zusammenarbeit mit Schülern, Studenten und Lesern gestaltet, in die Hauptsprache Wolof übertragen und farbig illustriert wurde. Über 500 Exemplare haben sie im Laufe der Zeit davon in Handarbeit hergestellt und verteilt - und oft wurden sie gefragt: Sind das nicht die Gedichte eines senegalesischen Dichters?

Vor zwei Jahren waren Uta und Amadou Sadji aus gesundheitlichen Gründen gezwungen, kurzerhand alles stehen und liegen zu lassen und "panikartig" hierher zu ziehen. Zwar arbeiten sie aus über 5000 km Entfernung weiter an ihrem Thema, ein neues Heft ihrer Zeitschrift (Thema: Goethe lebt in Afrika) ist druckfertig, die Übersetzung eines von seinem Vater verfaßten Schulbuchs für senegalesische Drittkläßler, das auf typische westafrikanische Fabeltiere wie den listigen Hasen und seinen Gegenspieler Hyäne zurückgreift, in Arbeit, und Amadou Sadji bereitet die von ihm verfaßte Biographie seines Vaters für eine deutsche Veröffentlichung vor - aber ihnen fehlt sehr das Leben, wie sie es nach ihrer Emeritierung in den letzten Jahren dort hatten: frei von allen universitären Zwängen, die Türen zu ihrer großen Bibliothek und zum Garten weit offen, und Schüler, Studenten und Leser kommen aus freien Stücken zu ihnen herein.

Michael Roeder (MichaelR)

Michael R. - Gastautoren, Geschichte, Menschen im Kiez - 06. Dezember 2009 - 00:01
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ein Kommentar

Nr. 1, MichaelR, 14.12.2009 - 14:53
Liebes Blog-Team,
jetzt veröffentlicht Ihr seit gut anderthalb Jahren Texte von mir. Ich möchte Euch herzlich dafür danken, denn ohne Euer Angebot hätte ich diese Texte wohl nicht geschrieben. Und natürlich hätte ich dann auch nicht einige davon auf ‘Dichterlesungen’ vorgetragen oder bei Zeitungen untergebracht. Kurz gesagt: Ihr habt auf diese Weise mir einen Anstoß gegeben und damit mein Leben bereichert. (In diesem Zusammenhang auch Dank an Grabowskis Katze, durch die der Kontakt mit Euch zustandekam.)
Alles Gute für Eure Arbeit im kommenden Jahr!
MichaelR

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