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Konzentrationslager Sonnenburg


Das KZ Sonnenburg (östlich von Küstrin, seit 1945 in Polen, auf polnisch Słońsk) gehörte zu den ersten Konzentrationslagern. Es wurde in einem preußischen Zuchthaus – 1833 erbaut und 1930 wegen erheblicher hygienischer Mängel geschlossen – eingerichtet und bestand vom 3. April 1933 bis zum 23. April 1934. Anschließend diente das Gebäude (wieder) als Zuchthaus für sicherheitsverwahrte Straftäter und politische Gefangene, ab Kriegsbeginn zusätzlich für Deserteure und widersetzliche Zwangsarbeiter, seit August 1942 auch für Widerstandskämpfer aus den besetzten Staaten Europas.

 

Kartenausschnitt / "© OpenStreetMap-Mitwirkende" - verfügbar unter der Open-Database-Lizenz

 

Eingerichtet wurde das KZ, weil die preußischen Gefängnisse nicht ausreichten, um die vielen Kommunisten, Sozialdemokraten und sonstigen Nazigegner, die nach dem Reichstagsbrand vom 27./28. Februar 1933 verhaftet worden waren, aufzunehmen. Zu den bekanntesten Häftlingen in Sonnenburg gehörten Carl von Ossietzky, Erich Mühsam und Hans Litten.

 
Carl von Ossietzky
– Publizist, Herausgeber der Weltbühne und Pazifist, 1931 wegen Landesverrats und Verrats militärischer Geheimnisse verurteilt, weil seine Zeitschrift die verbotene Aufrüstung der Reichswehr aufdeckte, 1936 durch den Friedensnobelpreis geehrt – war den Nazis durch Aussagen wie diese besonders verhaßt:

Der Krieg ist ein besseres Geschäft als der Friede. Ich habe noch niemanden gekannt, der sich zur Stillung seiner Geldgier auf Erhaltung und Förderung des Friedens geworfen hätte. Die beutegierige Canaille hat von eh und je auf Krieg spekuliert.“ (1)

Er kam anschließend in das KZ Esterwegen im Emsland, wurde aufgrund weltweiter Proteste 1936 schwerkrank entlassen und starb 1938 an den Folgen der Haft. Das Bild zeigt ihn (2.v.l.) im KZ Sonnenburg.

Carl v. Ossietzky (2.v.l.) und andere Häftlinge in Sonnenburg – Foto © Gedenkstätte Deutscher Widerstand



Das KZ Sonnenburg war wegen der dort herrschenden Brutalität berüchtigt und wurde deshalb „Folterhölle Sonnenburg“ genannt. Die Frau von Erich Mühsam – Schriftsteller, Anarchist, Mitglied der Münchner Räterepublik – berichtete nach einem Besuch bei ihrem Mann am 8. April 1933:

Mühsam war schrecklich zugerichtet. Ich hatte es schwer, mein Entsetzen vor ihm zu verbergen. Er saß auf einem Stuhl, hatte keine Brille auf – man hatte sie ihm zerbrochen – die Zähne waren ihm eingeschlagen, und sein Bart war von den Unmenschen so zugestutzt, dass der jüdische Typ zur Karikatur gewandelt war.“ (2)

Erich Mühsam wurde nach Auflösung des KZ nach Oranienburg verlegt und dort im Juli 1934 ermordet.

 
Rudolf Diels, Vorgänger von H. Himmler als Gestapo-Chef, faßte seine Eindrücke nach einer Inspektion des KZ Sonnenburg folgendermaßen zusammen:

Der Anblick der Gefangenen war schlechthin unbeschreiblich. Es waren Gestalten wie aus einem Spuk oder aus einem dämonischen Traum. Aus den zerbeulten oder zerfetzten Kleidern ragten verquollene Köpfe heraus wie Kürbisse, gelb, grün und bläulich angelaufene Gesichter, die nichts mehr von einem Menschengesicht an sich hatten. Die bloßen Körperteile waren mit Striemen und geronnenem Blut bedeckt.“ (3)


Bericht in der "Arbeiter Illustrierte Zeitung" (AIZ) vom 9.11.1933 – Foto © Gedenkstätte Deutscher Widerstand


 
Mitbeteiligt an der Folter der Häftlinge waren im April 1933 Männer des berüchtigten SA-Sturms 33 aus Charlottenburg, von seinen Gegnern „Mördersturm“ genannt. Für sie ergab sich hier die Gelegenheit, an Hans Litten Rache zu nehmen. Dieser hatte als Verteidiger von angeklagten Kommunisten verschiedene Erfolge gehabt, wobei er 1931, im „Eden-Palast-Prozeß“ gegen Angehörige dieses Sturms 33, Hitler als Zeugen vor Gericht blamierte (vgl. Abschnitt „Fritz Kollosche“).
Hans Litten durchlief nach der Schließung des KZ Sonnenburg verschiedene andere KZ und beging 1938, im Alter von 35 Jahren, in Dachau Selbstmord.

 
Ein anderer Gefangener berichtet aus der Zeit nach August 1933 (4):

Die Tür zu der Zelle konnte jederzeit und wurde sehr häufig von einem SS-Mann geöffnet. Dann hatte der Gefangene stramm zu stehen und eine militärische Meldung zu machen, die mit dem Namen des Gebäudes anfing und dem Namen des Gefangenen endete. Wenn sie fertig war, bekam der Gefangene meist einen Fausthieb ins Gesicht oder in die Bauchgegend. Da die Wache alle zwei Stunden wechselte und da jeder Wächter die Gefangenen einmal kontrollierte, hatte der Häftling Tag und Nacht keine Ruhe. Öfters kamen Gruppen von SS-Leuten. Dann mußte sich der Gefangene auf das Bett legen und wurde mit Gummiknüppeln bearbeitet.“ (5)


In der Nacht vom 30. auf den 31. Januar 1945 wurden 819 der Zuchthausinsassen ermordet, bevor die Bewacher mit den restlichen etwa 100 Gefangenen vor der sowjetischen Armee nach Westen flohen. SS-Obersturmbannführer Heinz Richter, Gestapo-Chef von Frankfurt/Oder, der den Exekutionsbefehl weitergab, und SS-Hauptsturmführer Wilhelm Nickel, der dessen Ausführung vor Ort leitete, wurden 1971 von einem Kieler Schwurgericht vom Vorwurf der Beihilfe zum Totschlag freigesprochen.

Ermordete Häftlinge und sowjetische Soldaten, 1.2.1945 – Foto © Gedenkstätte Deutscher Widerstand

 
  

Gedenkfeier

Zum 70. Jahrestag des Sonnenburger Massakers präsentiert der Arbeitskreis der Berliner VVN in Słońsk (Sonnenburg) seine neue Ausstellung zu den Verbrechen im KZ und Zuchthaus Sonnenburg. Sie wird anläßlich einer Gedenkfeier am 31. Januar 2015 eröffnet werden. Wir werden hier die Gedenkfeier ankündigen.

 
MichaelR

Herzlichen Dank an die Gedenkstätte Deutscher Widerstand für die Überlassung der Fotos!


Materialien und Quellen:

Kaspar Nürnberg, Außenstelle des Berliner Polizeipräsidiums: Das „staatliche Konzentrationslager“ Sonnenburg bei Küstrin, in: Wolfgang Benz/Barbara Distel (Hg.), Herrschaft und Gewalt. Frühe Konzentrationslager 1933 – 1939, Berlin 2002

Kaspar Nürnberg, Zur Geschichte des Zuchthauses und Konzentrationslagers Sonnenburg, Warschau 2003

Hans Ullmann, Das Konzentrationslager Sonnenburg, in: Dachauer Hefte 13. Jg. 1997 H. 13 (Dezember 1997)

Berliner VVN, Neue Ausstellung zum KZ und Zuchthaus Sonnenburg

Youtube

Quelle Kartenausschnitt (1. Bild):
© OpenStreetMap-Mitwirkende - verfügbar unter der Open-Database-Lizenz

 
(1) Die Weltbühne 8.12.1931

(2) zitiert nach: Kaspar Nürnberg, Zur Geschichte …, S. 7

(3) Rudolf Diels, Luzifer ante portas, Stuttgart 1950, S. 265f., zitiert nach: Kaspar Nürnberg, Außenstelle des …, S. 89

(4) Zu diesem Zeitpunkt wurde die SA-Wachmannschaft durch SS ersetzt.

(5) Hans Ullmann, S. 85


MichaelR - Gastautoren, Geschichte - 17. November 2014 - 00:24
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ein Kommentar

Nr. 1, M.R., 17.01.2015 - 22:25
Gedenkfeier am 30. Januar
Mitteilung der VVN:
In dem 100 Kilometer von Berlin entfernten Słońsk findet am 30. Januar eine Gedenkfeier statt, an der auch Angehörige von Häftlingen des KZ und Zuchthauses teilnehmen. Ab 12 Uhr lädt die Gemeinde zu einer Zusammenkunft im Gemeindesaal ein, um 14 Uhr schließt sich die Gedenkfeier auf dem Waldfriedhof an. Gegen 14:30 Uhr wird das Museum mit der neuen Ausstellung eröffnet, die danach besichtigt werden kann.
Am 30. Januar fährt um 9:30 Uhr vom Parkplatz am Franz-Mehring-Platz 1 (5 Minuten vom Ostbahnhof) ein Bus nach Słońsk. Wer sich an dieser Gedenkstättenfahrt beteiligen möchten bitten wir um Anmeldung per Telefon 29784178 oder e-mail berlin@vvn-bda . Die Gemeindeverwaltung bittet die Besucher ihren Ausweis mitzubringen.

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