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Auf den Spuren "Unserer Straße"

 
Fast 80 Jahre nach den von Jan Petersen beschriebenen Ereignissen der Jahre 1933 und 1934 gibt es diese Wallstraße schon lange nicht mehr. Die Autorin des folgenden Textes, Christina Matte, knüpft an diesen Umstand ihre Überlegungen zum Vergleich von damals und heute.

 
Die folgende Wiedergabe des kompletten Artikels erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Redaktion Neues Deutschland.



Unsere Straße?
Eine Erkundung mit dem Erzähler Jan Petersen

Von Christina Matte

»Jan Petersens Roman ist, im Stakkato seiner Sätze, im keuchenden Atem seiner Erzählung, der große Bericht von den Gejagten, die nicht entkommen, sondern dem Jäger an die Kehle wollten.«
Stephan Hermlin, 1950

Berlin, 1933. »Die Wallstraße liegt mit ihren engen Häuserreihen wie eine lange, graue Schlucht vor uns. Spärliche Gaslaternen geben nur Dämmerlicht … In der Mitte macht die Straße einen scharfen Knick. Hier ist eine große Lücke in der Häuserreihe. Ein Gerümpelplatz mit schmutziggrauem Zaun. Unsere politischen Parolen, zerfetzte Plakate eines Wanderzirkus überziehen ihn bunt. Dicht daneben steht das Charlottenburger Elektrizitätsumformwerk. Ein großes, modernes Gebäude aus rotem Backstein. Niedrige Holzhäuser ziehen sich an der linken Seite des Werkes entlang ... Es sind Notstandsbaracken, in den Jahren größter Wohnungsnot erbaut. Sie sind Dauerwohnungen geworden. Fast alle Mieter sind arbeitslos.«

Berlin, 2011. Die Straße ist nicht wiederzuerkennen. Was hatten wir denn erwartet? Fast 80 Jahre sind verstrichen, seit der Kommunist Jan Petersen, führendes Mitglied im Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller, seiner Straße ein literarisches Denkmal setzte. Ein Krieg brannte über sie hinweg, Aufbauarbeit wurde geleistet. An Stelle der alten Elendsquartiere stehen nun schmucklose Plattenbauten, inzwischen auch schon nicht mehr die jüngsten. Jene Häuser, die überlebten, sind innen und außen aufgeputzt, die proletarische Anmutung ist zwar keiner bürgerlichen gewichen, doch einer sozial verträglichen. Lediglich den »scharfen Knick« hat die Zeit nicht ausgebügelt. Und das Umformwerk aus Backstein, das wir heute nicht mehr modern nennen würden, hat seinen Platz im Knick behauptet. Den einstigen Gerümpelplatz ziert eine kleine Grünfläche, den schmutzigen Zaun ersetzt eine Hecke. Dass die Straße also kaum mehr dem Bild entspricht, das Jan Petersen von ihr zeichnete – wir dürfen es ein Glück nennen.

Petersen begann seinen Roman, den er selbst als Chronik begriff und der trotz konspirativer Verfremdungen und dichterischer Freiheiten ein authentisches Dokument ist, wenige Tage vor der Machtergreifung der Nazis und beendete ihn im Juni 1934. Knapp 80 Jahre später wohnt niemand mehr hier, der die Ereignisse miterlebte – man kann es sich ausrechnen. Die Straße Jan Petersens, auf der man sich, jedenfalls anfangs noch, begegnete, zueinandergesellte, nachbarschaftlich austauschte und politisch heiß debattierte, liegt friedlich, still, fast menschenleer. Autos parken an den Rändern. Mitten auf dem Bürgersteig eine zerbrochene Ketchupflasche. Zwei, drei Kinder, türkischstämmig, aus der Schule heimkommend, umrunden sie vorsichtig. Eine Kneipe hat neu eröffnet. Schritte weiter das »Haus der Jugend«: Tischtennis, Billard, Dart, abends Disko. Obwohl es ein seltener Komfort ist, dass jemand die Geschichte seiner Straße in der Literatur beschrieben findet, dürfte Petersens »Unsere Straße« deren heutigen Anwohnern dennoch weitgehend unbekannt sein; sie sind mit sich selbst beschäftigt.

Schade. Die Geschichte ist spannend. Wer sie lesen würde, erführe, dass die Wallstraße inmitten der »Beamtenstadt« Charlottenburg Teil einer Enklave war, eines auf wenige Straßenzüge begrenzten Arbeiterviertels, vielmehr – kurz nach der Weltwirtschaftskrise – eines Viertels von Arbeitslosen. Kommunisten und Sozialdemokraten wohnten dort, weshalb man vom »roten Kiez« oder vom »Kleinen Wedding« sprach.

Man erführe, dass der »rote Kiez« den Nazis erbittert Widerstand leistete. So am 30. Januar 1933, dem Tag, an dem Hitler Reichskanzler wurde, als der berüchtigte SA-Sturm 33 spätabends in die Wallstraße einfiel, singend, brüllend »Die Straße frei«, und, nachdem er den Knick passiert hatte, mit Rot-Front-Rufen und Blumentopfwürfen aus den Fenstern empfangen wurde. Man erführe, dass an jenem Abend der SA-Sturmführer Hans Maikowsky das Feuer auf die Fenster eröffnen ließ, woraufhin er selbst und der Schutzpolizist Josef Zauritz, von dem man schon damals annahm, er habe das Schlimmste verhindern wollen, im Mündungsfeuer der Pistolen zusammenbrachen. Man lernte etwas über Propaganda: Darüber, wie man politischen Gegnern Morde in die Schuhe schiebt und gleichzeitig Märtyrer erschafft – nicht nur, dass bei der Trauerfeier für Maikowsky und Zauritz im Berliner Dom Hitler und Goebbels anwesend waren, im selben Jahr noch okkupierten die Nazis die Straße, indem sie sie nach Maikowsky benannten. Wobei sie das »y« in dessen Namen gegen ein vermeintlich arisches »i« austauschten.

Man erführe, dass viele Genossen auch weiterhin ihr Leben riskierten, verhaftet, gequält, ermordet wurden – nicht Ketchup, sondern Blut auf der Straße. Und man begegnete Richard Hüttig, der damals im »Kleinen Wedding« die kommunistischen Häuserschutzstaffeln leitete. Nach dem Tode Maikowskys und dem des SS-Scharführers von der Ahé am 17. Februar 1933 war Hüttig zwar auf Anraten von Freunden kurzzeitig in seinem Heimatort Bottendorf bei Eisleben untergetaucht, doch trotz Warnungen nach Berlin zurückgekehrt. Am 14. September verhaftet, wurde er von einem Sondergericht beim Landgericht Berlin zum Tode verurteilt, obwohl ihm eine Beteiligung weder am Tod von Maikowsky noch am Mord an Ahé nachgewiesen werden konnte. Am 14. Juni 1934 ließen die Nazis den 26-Jährigen hinrichten – als ersten politischen Häftling in Berlin-Plötzensee. Läse man Petersens Roman, wüsste man, dass der Autor sich wünschte: »Diese Straße soll einmal Richard-Hüttig-Straße heißen.«

Die ehemalige Wallstraße, spätere Maikowskistraße, heißt heute nicht Richard-Hüttig-Straße, sondern Zillestraße. Der Name wurde ihr 1947 verliehen – der Zeichner des Milljöhs erschien den Stadtbezirksvätern wohl unverfänglicher als ein Kommunist, der das Milieu verändern wollte.

In der heutigen Zillestraße jene Orte wiederzufinden, die Jan Petersen beschrieb, ist kein einfaches Unterfangen. Zum einen irritiert, dass Petersen besagten Knick in die Mitte der Straße verlegte – diese erstreckte sich nämlich schon damals über mindestens einen Kilometer von der Schlossstraße bis zur Berliner Straße (heute Otto-Suhr-Allee), so dass der Knick eher ihr Ende markierte. Was die Vermutung nahelegt, dass Peteren nur deren oberen Teil, pars pro toto, abbildete. Zum anderen wird die Orientierung dadurch erschwert, dass die Hausnummern mit den damaligen nicht mehr übereinstimmen und auch Querstraßen neue Namen erhielten.

Einer, der sich in die Topographie der Straße geradezu hineingewühlt hat, ist der Historiker und langjährige Geschichtslehrer Dr. Michael Roeder. Mit hundertprozentiger Gewissheit vermag auch Roeder nicht zu sagen, wo sich die Verkehrslokale der Kommunisten »Werner«, »Zum Hirsch« und »Stani« befanden, aber er ist sich doch ziemlich sicher, zumindest die Standorte des »Stani« und des »Werner« ausgemacht zu haben. Petersen nimmt uns ins »Werner« mit: »Richard zieht die Tür auf. Stimmengewirr schlägt uns entgegen. Vom Schanktisch nickt uns der dicke, weißbärtige Wirt zu. Seine Frau spült mit hochrotem Gesicht Gläser. An der Decke hängen Rauchschwaden.« So ähnlich wird es auch im »Stani« ausgesehen haben. In dem kleinen Café, das heute an dessen Stelle einlädt, herrscht Rauchverbot. Wir setzen uns an ein Tischchen auf dem Bürgersteig und trinken Cappuccino. Vor einiger Zeit, erzählt Roeder, sei ihm Petersens Roman, den er schon vor vielen Jahren gelesen hatte, wieder in die Hände gefallen. Die erneute Lektüre habe ihn veranlasst, sich näher mit der Zillestraße zu befassen, in der er keinen, nicht einen Hinweis auf deren Geschichte und auf die Widerstandskämpfer fand, die ermordet worden waren.

Am Nebentisch notiert ein junger Mann eifrig etwas in eine Kladde. Vielleicht ein Caféhaus-Literat. Petersen hat nur im Geheimen, in Verstecken schreiben können. »Unsere Straße« ist der einzige antifaschistische Roman, der in Nazideutschland entstand. Mit zwei Durchschlägen getippt, waren schließlich zwei der Manuskripte auf abenteuerlichem Wege nach Prag gelangt. In der Folgezeit war der Roman zunächst in Moskau und Großbritannien erschienen. 1935 dann hatte Petersen auf dem I. Internationalen Schriftstellerkongress für die Verteidigung der Kultur in Paris, von André Gide und Heinrich Mann zum Podium geleitet, vor 250 Delegierten aus 37 Ländern als »Mann mit der schwarzen Maske« im Namen der illegalen Schriftsteller Deutschlands das Wort ergriffen und vom Widerstand berichtet. Die Straße, wem gehört sie? Roeder und ich, wir wissen beide, dass Petersen, indem er für seinen Roman den Titel »Unsere Straße« wählte, nicht lediglich die Wallstraße meinte, sondern humanistischen Anspruch bekräftigte und in dunkelster Zeit Zuversicht ausdrückte. Unsere Straße?

Roeder hat nachgeforscht. In Plötzensee gibt es einen Richard-Hüttig-Pfad, und im Charlottenburger Rathaus kann man, so man ausdrücklich danach sucht, in einer kleinen Galerie ein Bild von Richard Hüttig finden, immerhin. Roeder war das nicht genug. Er sorgte dafür, dass in diesem Frühjahr in der Zillestraße eine Gedenktafel mit den Namen von 71 ermordeten oder zu hohen Zuchthausstrafen verurteilten Widerstandskämpfern angebracht wurde. Und zwar genau dort, wo die Nazis 1933 eine Tafel für ihren Sturmführer Maikowsky installiert hatten, am Haus Wallstraße 54, dem heutigen »Haus der Jugend«. Bei der Enthüllung der neuen Tafel sprach auch Dr. Heinrich-Wilhelm Wörmann, der für eine Schriftenreihe der Gedenkstätte Deutscher Widerstand speziell den Charlottenburger Widerstand dokumentiert hatte. »Heute«, so Wörmann mit sichtlichem Stolz, »verfügen wir über eine fest etablierte Gedenkkultur in der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus, die in der Zeit, als ich in dem Alter der jungen Leute hier war, schlicht undenkbar war, allenfalls eine Vision.«

Bei der Gedenktafelkommission des Bezirkes war Roeder allerdings abgeblitzt: Kein Geld da! So hat er das Geld für die Tafel eben gesammelt – bei der Bundestagsfraktion der Linkspartei, beim Aktiven Museum, der Humanistischen Union und Privatleuten, »einer«, sagt Roeder, »gab 100 Euro.«

Wir nehmen Roeders Tafel in Augenschein. Jede Stunde bleibe jemand davor stehen, berichtet ein Mitarbeiter des Hauses. Und ja, er kenne die Geschichte, auch wenn er das Buch nicht gelesen habe. Roeder ist klar, dass Lesen heute nicht mehr die Hitliste der Freizeitbeschäftigungen anführt. Aber er lässt nicht locker. Ein Mal pro Woche kommt der Wilmersdorfer mit dem Rad nach Charlottenburg, um in der Bibliothek vorzulesen – Kindern. »Die Geschichte vom Löwen, der nicht schreiben konnte«, zum Beispiel.

Quelle: Neues Deutschland vom 02.07.2011

Michael R. - Gastautoren, Geschichte - 07. Juli 2011 - 00:28
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